Ich greife einmal ganz frei die Bilanz der deutschen Nationalmannschaft nach der Fußball-WM 2006 auf: Es war noch nie so schön, Dritter zu sein!

Während ich schreibe, kann ich draußen immer wieder Autohupen und Feuerwerk hören. Perú ist im kleinen Finale der Copa América 2011 gegen Venezuela angetreten. Überraschungsteam gegen Überraschungsteam. Und wir – ja, ich weiß, das rutscht mir ständig raus – haben es tatsächlich geschafft und Venezuela, »la vinotinto«, mit 4:1 weggeputzt. Aber sowas von!

Ich habe mich in das erste Lokal gesetzt, in dem ein Fernseher hing und Plätze frei waren. Peruanische Fußballkommentatoren sind kulturanthropologisch höchst interessante Subjekte. »Da kommt Guerrero von der linken Seite und nun ist der Ball im Aus. Ein großes Geheimnis wird auf kleiner Flamme vorbereitet. Die neue Kochshow mit Gastón Acurio!« Aha? Alles im gleichen, dramatischen Tonfall. Und wenn es Einwurf gab, war das immer »Einwurf, Coca-Cola!« Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen, wie genau der Sponsorenvertrag formuliert ist, damit so etwas dabei herauskommt.

Ganz ehrlich, ich liebe ja Public Viewing. Nichts ist schöner als ein ganzer Saal voller Menschen, die unisono »Uuuuuuuuuuuh!« schreien und sich unwillkürlich ducken, wenn eine großartige Chance vergeben wurde. Doch, etwas ist schöner: ein Saal voller Menschen, die gemeinsam losbrüllen, wenn ihr Team ein Tor geschossen hat. Und in diesem kleinen Empanada-Lokal mitten im sonnigen Cayma durften wir heute sage und schreibe viermal brüllen!

Schon vor dem Spiel war klar, dass dieses Ergebnis unglaublich viel für Perú bedeutet. Meine Freundin Paola hat auf Facebook den Link zu einem Artikel gesetzt, der wohl heute in der Beilage der Tageszeitung »El Comercio« war und folgendermaßen beginnt:

»Ich habe endlich wieder Lust zu schreien, ein rotweißes Trikot anzuziehen, mir das Gesicht zu bemalen, Lärm zu machen und die peruanische Flagge in mein Fenster zu hängen, mit der Hupe »tu tu tututú, tutututú, Perú!« zu machen. Heute, erstmals seit Spanien ‘82, habe ich wieder Freunde angerufen, um »das Spiel« zu sehen. Ich habe viel Bier getrunken und einen Herren aus Bolivien beschimpft, dessen Mutter nichts dafür kann, dass ihr Sohn Schiedsrichter ist. Ich habe mir die Haare gerauft – die wenigen, die mir noch bleiben. Ich war neunzig Minuten lang Trainer und habe schreiend dirigiert, wie sie spielen sollen. Ich bin vom Sofa aufgesprungen …«

Perús Nationalmannschaft hat jahrelang kaum guten Fußball abgeliefert, und bevor die Copa begann, waren alle völlig verzweifelt, weil die ganz großen Namen – die aus der deutschen Bundesliga, Claudio Pizarro und Jefferson Farfán – fehlten. Einer war da: Paolo Guerrero. Und wie er da war. Das war seine Copa. Alleine heute hat er dreimal getroffen – Bilderbuchtore.

Aber es war nicht nur Paolo Guerrero. Wie der Kolumnist von »El Comercio« hat ganz Perú in dieser Copa eine Mannschaft gesehen, die wieder mit Begeisterung und Hingabe spielte – und im Gegenzug lernte, dass sie fähig sind, ein Halbfinale und schließlich einen Platz auf dem Podium zu erreichen. Guerrero schoss die meisten Tore, aber der Erfolg ist ein Werk der gesamten Mannschaft, und dass man das so deutlich gesehen hat, ist das Schöne.

In der Halbzeitpause gab es einen schönen Werbespot: »Danke, dass ihr alles auf dem Spielfeld gegeben habt. Danke, dass ihr uns zum Schreien gebracht habt. Danke, dass ihr uns habt glauben lassen.«

Die WM 2014 scheint plötzlich nicht mehr so unerreichbar wie vor der Copa. Die ehrliche Begeisterung ist in den peruanischen Fußball zurückgekehrt. ¡Salud por eso!