0,24 %: Das ist der Vorsprung, mit dem letztendlich »PPK« Pedro Pablo Kuczynski die Präsidentenwahl in Peru gewonnen hat. Oder, anders gesagt, der Abstand, mit dem Keiko Fujimori verloren hat. Vor allem die südlichen Regionen Perus stimmten mehrheitlich für Kuczynski — besonders jene, die im ersten Wahlgang dem von ihm recht verächtlich behandelten, linksgerichteten Frente Amplio ihre Stimme gegeben hatten. Keiko Fujimori hingegen punktete wie im ersten Wahlgang vor allem in den nördlichen Regionen.

Es gibt ein Wahllokal in Moquegua, im Süden Perus, genauer gesagt den Wahltisch mit der Nummer 901701, von dessen 127 Stimmberechtigten nicht ein einziger für Keiko Fujimori gestimmt hat. Es gab auch keine Enthaltungen oder ungültigen Stimmen. Alle 127 zählten für Kuczynski, wie La República berichtet.

Doch das sind Anekdoten. In den südlichen Regionen war die Ablehnung für Fujimori deutlich. Man stimmte dort, schreibt die Journalistin Sigrid Bazán in La República, »mit Gedächtnis [ab], gegen die Fujimorismo. Der Sieg vieler wird in der Niederlage Keiko Fujimoris bestehen.«

So entfielen in Arequipa laut einer ersten Hochrechnung (Ipsos) gut 70% auf PPK, doch in der Summe ging die Wahl denkbar knapp aus: 50,12 % für Kuczynski, 49,88 % für Fujimori. 0,24% Abstand: Das sind 41.438 Stimmen. Peru ist ein geteiltes Land, das hat sich schon vorher so abgezeichnet, das ist im Prinzip auch nicht erst seit diesen Wahlen so, denn auch 2011 ging es in der Stichwahl denkbar knapp aus zwischen Keiko Fujimori und Ollanta Humala. Aber jetzt scheint das alles noch zusätzlich zementiert.

»Wirtschaftlich gesehen noch mehr vom Gleichen«

»Das Modell hat gewonnen«, schreibt die Menschenrechtlerin Rocío Silva Santisteban in ihrer Kolumne in der Tageszeitung La República, »die Peruaner haben für zwei Kontrahenten gestimmt, die uns wirtschaftlich gesehen noch mehr vom Gleichen geben. Zwei Personen, die den zwanghaften Extraktivismus mit seinen autoritären Gesetzen und seinem Landraub verteidigen.«

Die endgültigen Ergebnisse standen zum Zeitpunkt dieser Kolumne noch nicht fest. Weil schon die ersten Hochrechnungen so knapp ausgefallen sind, muss bis zum Auszählen aller Stimmen gewartet werden, bis ein offizieller Wahlsieg verkündet werden kann. Das dauert, weil zahlreiche Wahlakten erst aus dem Ausland zugestellt werden müssen — oder aus den ländlichen, infrastrukturell schlecht angebundenen Regionen des Landes wie abgelegenen Anden- und Regenwaldorten. Dazu kommen jene Wahlakten, die als beobachtet oder angefochten an die speziellen Wahlgerichte (JEE) geschickt werden. »Es gibt 60 JEE im ganzen Land«, erklärt die Wahlrechtsexperin Ana Neira im Interview mit dem Nachrichtensender RPP. »Jedes JEE besteht aus drei Mitgliedern: ein Bürger, ein Staatsanwalt und ein Richter.«

Knapp 1% aller Stimmen sind solche Fälle geworden. Fujimoris Anhänger haben offenbar bis zuletzt gehofft, dass sich das Blatt hierdurch oder mithilfe der Auslandsstimmen noch einmal wendet. Tatsächlich ist PPKs Vorsprung mit Voranschreiten der Auszählung zusammengeschmolzen, von etwas über einem Prozentpunkt auf jene 0,24%, die letztendlich den entscheidenden Unterschied ausmachten. Noch ist nicht ganz sicher, wie Fujimoris Lager auf diese knappe Niederlage reagieren wird und ob man vielleicht versuchen will, das Ergebnis anzufechten. Mangelnde Transparenz dürfte wohl schwer als Vorwurf ins Feld zu führen sein, denn die Wahlbehörde ONPE hat sämtliche Wahlakten des zweiten Durchgangs digitalisiert und auf ihrer Website zur Verfügung gestellt.

Quo vadis, Peru?

Auf Kuczynskis weiteres Vorgehen sind nun wohl alle gespannt. Dass er relativ wenig echte Unterstützer hat, sondern die Stimmen für ihn vor allem ein klares Nein gegen Keiko Fujimori, ihr politisches Erbe und aktuelle Vorwürfe gegen ihre Partei waren, dürfte eine von mehreren Schwierigkeiten darstellen. Kuczynski verfügt nur über eine Handvoll Kongressisten, Fujimoris Fuerza Popular hat mehr als dreimal so viele. Für die neue Regierung wird es somit schwer, Mehrheiten zu erreichen. »Peruanos Por El Kambio«, schreibt Sigrid Bazán zudem über Kuczynskis Wahlbündnis, »ist nicht mehr als eine Wählerregistrierung. Sie erfüllt nicht einmal die laxesten Definitionen einer politischen Partei.« Auch bescheinigt sie Kuczynski eine mehr als schwache Kampagne.

Interessant wird, wie Kuczynski zukünftig mit jenen umgeht, die ihm — wenngleich zähneknirschend — zum Wahlsieg verholfen haben. Die peruanische Linke um Mendoza und den Frente Amplio hat jedenfalls schon angekündigt, in jedem Fall in der Opposition bleiben zu wollen. Das sei, urteilt Bazán, »der einzige Weg, sich als gangbare Option für das Jahr 2021 zu etablieren« — wenn nämlich die nächsten Präsidentschaftswahlen stattfinden. Aber bis dahin müssen erst einmal fünf Jahre vergehen. Kuczynski übernimmt die Führung in einem Peru voll schwelender Konflikte und politischer Gruppierungen, die sich wohl kaum je an einen Verhandlungstisch bringen lassen werden, weil die ideologischen Kluften zu tief sind. Der Anti-Fujimorismo hat in den vergangenen Wochen und Monaten erfreulich viel vereinigt und mobilisiert, doch das heißt noch nicht, dass sich das ohne weiteres in eine konstruktive Politik kanalisieren lässt. 0,24%: Das ist verschwindend wenig, vielleicht zu wenig.

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Quellen

Bazán, Sigrid: »Con memoria, desde el sur« (La República, 7. Juni 2016)

Silva Santisteban, Rocío: »Al despertar, el dinosaurio aún estaba allí« (La República, 7. Juni 2016)

La Mula.pe: »Fin de la espera: PPK gana oficialmente las elecciones presidenciales 2016« (9. Juni 2016)

La República: »La mesa de sufragio que le dijo no a Keiko« (8. Juni 2016)

ONPE: »ONPE facilita la revisión de las más de 77 mil actas electorales de la Segunda Elección Presidencial« (9. Juni 2016)

RPP: »Actas observadas y votos impugnados: ¿Qué son y cómo se resuelven?« (8. Juni 2016)

RPP: »ONPE al 100%: Pedro Pablo Kuczynski es el virtual presidente del Perú« (9. Juni 2016)