Vor exakt neun Jahren landete ich in Peru. Eigentlich sollte die Ankunft am Flughafen von Lima eine große Fiesta werden. Es war mein zweiter Aufenthalt in Peru, vor mir lag ein Auslandssemester in Arequipa, und auf dem Flug begleitete mich meine Freundin Nora, die zum Studieren in die nordperuanische Stadt Trujillo ging. Wir waren unglaublich guter Dinge.

Bis das Flugzeug schließlich auf dem Rollfeld zum Stehen kam und der Pilot uns wissen ließ, wir könnten noch nicht aussteigen. Es hätte ein Erdbeben gegeben.

Rückblickend dauerte es quälend lang, bis wir mehr erfuhren. Fürs Erste war da nur die Leere des bereits evakuierten Flughafens. Stillstehende Kofferbänder, Risse in der Decke, aber hinaus in einen dunklen Hof durften wir natürlich erst, nachdem unsere Pässe abgestempelt waren. Ich hatte kein Handy dabei, Nora versuchte verzweifelt, von ihrem aus ihren peruanischen Freund zu erreichen, doch das Netz war natürlich völlig zusammengebrochen. Schließlich fanden wir ihn doch in der Menge besorgt Wartender vor dem Flughafen, harrten noch gefühlte Ewigkeiten aus, bis wir irgendwann unser Gepäck bekamen, und fanden dann für die Nacht Zuflucht bei einem gemeinsamen Freund in der Hafenstadt Callao. Irgendjemand besorgte Brathähnchen, dann saßen wir in einem kahlen Raum um den Fernseher und starrten fassungslos auf die Bilder, die unsere eigene Odyssee zur Bedeutungslosigkeit verblassen ließen.

15. August 2007: Ica. Chincha. Pisco.

Fast zwei Minuten hatte die Erde gebebt, Magnitude 7,9 auf der Richter-Skala. Die Orte Pisco, Chincha, Ica – südlich von Lima – lagen in Trümmern. Auch sonst war das Erdbeben nahezu im ganzen Land zu spüren gewesen. Dass die Zahl der Todesopfer sich am Ende auf fast 600 belaufen würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dass die Verwüstung auf Jahre hinaus ihre Spuren hinterlassen würde, konnten wir nur befürchten. Damals mailten Nora und ich unseren Freunden in Deutschland, baten um Spenden, kauften in den folgenden Tagen – sie in Trujillo, ich in Arequipa – Decken, Wasser, Konserven, die wir humanitären Organisationen übergaben. Ein Staubkorn an Hilfe, wenigstens. Von offizieller Seite liefen die Hilfsmaßnahmen nur stockend an. Umso widersinniger, weil die Katastrophe keine abgelegenen, schwer zugänglichen Andendörfer erfasst hatte, sondern Orte an der Lebensader peruanischer Infrastruktur, der Panamericana.

"La catedral", Felsformation bei Paracas. Beim Erdbeben 2007 fiel sie in sich zusammen.

„La catedral“, Felsformation bei Paracas. Beim Erdbeben 2007 fiel sie in sich zusammen.

Monate später fuhr ich mit dem Bus durch Ica, meinte auf den ersten Blick kaum Zerstörung zu sehen. Aber dann der zweite Blick in die Nacht: Die Häuser am Straßenrand waren keine. Vielfach standen da nur noch Fassadenmauern. Etwas weiter entfernt von der Straße, fast verloren im Dunkel, standen die Zelte. Das Erdbeben war noch lange nicht überwunden. »Acht Jahre nach dem Erdbeben haben 40% aller Familien in Pisco noch immer nicht ihre Häuser wiederaufbauen können«, berichtete die Zeitung La República vor einem Jahr. Und bei den Projekten Straßenbau und Asphaltierung gebe es gerade mal einen Fortschritt von 30%.

15. August. Mariä Himmelfahrt. Es ist auch das Gründungsjubiläum Arequipas, jedes Jahr mit einem großen Umzug begangen, ein Tag zum Feiern, auch wenn ich jedes Jahr innehalte und an Ica denke, an Pisco, Chincha, all die anderen Orte.

Und nun wieder ein Erdbeben, fast auf den Tag neun Jahre danach. Diesmal bebte die Erde in der Region Arequipa, in der Nacht auf den 15. August. Epizentrum: Maca im Colca-Tal.

14./15. August 2016: Yanque. Achoma. Ichupampa. Madrigal. Maca. Chivay.

Im Colca-Tal, Anfang 2008.

Im Colca-Tal, Anfang 2008.

Es fühlt sich beschämend an, dass mehr schmerzt, was einem näher ist. Aber das Colca-Tal ist nach der Stadt Arequipa der Ort, an dem ich die meiste Zeit in Peru verbracht habe. Yanque, Achoma, Ichupampa, Maca, ich habe all diese Dörfer besucht, während ich für meine Bachelorarbeit forschte. Jetzt ist alles voller Trümmer. Das Beben hatte eine Stärke von »nur« 5,3, es hätte schlimmer sein können. Aber: »Das Beben war oberflächlich«, sagt der Geologe Patricio Valderrama, »die seismischen Wellen trafen also mit mehr Wucht auf die Dörfer.«

Von vier bestätigten Toten ist die Rede, dann wieder von neun, von über fünfzig Verletzten und viel Unsicherheit, viel Widersprüchliches, weil eben noch nicht alles bestätigt ist. 150 Häuser in der ganzen Provinz seien unbewohnbar, sagt die Regionalregierung. Der Subpräfekt von Achoma widerspricht: Allein in seinem Dorf sei von 300 Häusern keines mehr bewohnbar. Ein Wunder wäre das nicht, bedenkt man, dass viele der Häuser aus Adobe bestehen, schlichten Lehmziegeln.

Die Straßen sind blockiert, teilweise hat das Beben zu Erdrutschen geführt. Von der Regionalregierung kommt das Statement, man befürchte, dass die Lage noch ernster ist, als man es bisher weiß. Für die Provinz wurde der Notstand ausgerufen.

Dass Peru ein Erdbebengebiet ist, das wusste ich, bevor ich das erste Mal dorthin flog. Die Nazca-Platte trifft auf die Südamerika-Platte. Ich habe so gut wie keine Ahnung von Plattentektonik, aber es reicht, einen Blick in die Historie zu werfen. In Arequipa bebte die Erde 2001 so stark, dass einer der  Kathedralentürme in sich zusammenstürzte. Maca, das unglückliche Maca, wurde 1992 von einem Erdbeben erschüttert. Eine Strafe der alten Berggötter, die von Macas Bewohnern geschmäht worden waren. So erzählte man es sich zumindest in den Nachbarorten. Ich kam 2006 das erste Mal nach Maca, da war die alte Kolonialkirche gerade renoviert worden und leuchtete blütenweiß vor tiefblauem Himmel. Vom Erdbeben erfuhr ich erst später. Oder von dem morastigen Untergrund, der durch das Beben nicht stabiler geworden ist und langsam mit Maca absinkt.

Yanque, Colca-Tal, Anfang 2008

Yanque, Colca-Tal, Anfang 2008

Das Colca-Tal: Arequipas Tourismusmagnet – teilweise

Die Zahlen, die es bislang gibt zu Toten, Verletzten, Sachschäden sind unsicher, verändern sich ständig und widersprechen einander. Aber es könnte sein, dass es wenigstens im Hinblick auf Menschenleben einigermaßen glimpflich ausgegangen ist. Bilder zirkulieren im Netz. Die Kirche von Ichupampa halb eingestürzt. Die Häuser von Yanque ein Trümmerfeld. Wie rasch wird hier Hilfe kommen? Das Colca-Tal liegt nicht gut angebunden an der Panamericana. Für den Tourismus in Arequipa ist es ein Herzstück, aber es ist vor allem der Hauptort Chivay, der davon immer profitiert hat. Dörfer wie Yanque und Maca sind bestenfalls Zwischenstopps auf touristischen Routen, die in der Regel zum Aussichtspunkt Cruz del Cóndor führen, damit die Besucher – mit etwas Glück – Andenkondore im gewaltigen Canyon dahingleiten sehen können. Nur ein Bruchteil des Colca-Tals kommt in der touristischen Agenda vor. Madrigal, ein Dorf, in dem das Beben ebenfalls großen Schaden angerichtet haben soll, wurde mir einst als das ärmste Dorf im Tal vorgestellt, von einer blütenweißen Fassade konnte das staubige Dorfkirchlein nur träumen. Ichupampa lag in völliger Stille, als ich es besuchte.

Ich möchte hoffen, dass die Hilfe bis in die entlegenen Winkel dieser Dörfer kommt und sich nicht darauf beschränkt, die Straße zum Cruz del Cóndor wieder freizuräumen, damit der Tourismus wieder fließen kann. Ich möchte hoffen, dass die bisherigen Zahlen nicht noch in die Höhe schnellen. Dass es keine Nachbeben gibt, die zu weiteren Unglücken führen können. Dass heute Nacht für alle gesorgt ist, die ansonsten keine Chance gegen die bittere Kälte der Anden haben – wir sprechen von Dörfern auf über 3.000 Metern Höhe, in Peru ist jetzt Winter.

In Arequipa findet der Festtagsumzug heute statt. Trotz allem. In der Zwischenzeit werden immer neue Nachbeben registriert.

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Quellen

Castillo, Diego (Utero.pe): 5 pasos para estar al tanto de todo lo que pasa en Arequipa (15. August 2016)

La República: ¿Por qué el sismo en Arequipa causó graves daños? (15. August 2016)

La República: Sismo en Arequipa causa cuatro muertes (15. August 2016)

La República: La vida después del terremoto que destruyó Pisco (15. August 2015)

La República: Maca, un pueblo se hunde en el Colca (30. Mai 2012)

RPP: Sismo en Arequipa dejó al menos cuatro muertos (15. August 2016)