Bestimmt ist jeder von uns im Internet schon einmal über diese Fotos gestolpert, auf denen man genau hinsehen soll, weil sich – in den Schatten, hinter der Gardine, irgendwo – etwas Gruseliges verbirgt, etwas, das als Geist durchgehen könnte und dem Betrachter eine mehr oder weniger angenehme Gänsehaut verursacht.

Einige meiner peruanischen Freunde teilten gerade eine Fotoserie auf Facebook, die ähnlich funktioniert: Man muss genau hinsehen und findet dann so etwas wie einen Geist.

So etwas.

Denn genaugenommen geht es hier nicht um Schattenerscheinungen, sondern um anfassbare Wirklichkeit und Tageslicht. Die 97 Fotos, zusammengestellt (nicht geschossen) durch Daniela Ortiz zeigen Alltag. Auf den ersten Blick nicht mehr und nicht weniger. Da posieren Kinder mit Sonnenhut, eine ganze Partygemeinschaft lässt sich im Pool ablichten. Vor allem sind es Eltern mit Kindern. Wir sehen viel blondes Haar und blaue Augen, gepflegte Rasenflächen und Pools: Das ist nicht das Perú der Touristenprospekte und der Romantiker, das ist das Perú der High Society. Die oberen Zehntausend, wenn man so will. Es sind Fotos, wie sie uns jeden Tag in den sozialen Netzwerken begegnen. Fotos, die gemacht wurden, um auf Facebook Likes einzuheimsen.

Insofern scheint die Kraft der Fotografien beschränkt. Sie zeigen vermeintlich viel zu vertraute Szenerien. Aber hier kommt es eben ins Spiel, dass man genau hinsehen muss. Dass man den Geist suchen muss. Denn auf fast jedem Bild gibt es einen: aus Fleisch und Blut und mit dunkler Haut.

»97 House Maids« lautet der Titel der Fotoserie und verrät damit das Bindeglied. Die Hausangestellten der Oberschicht – man muss mitunter ein wenig suchen, um sie zu entdecken, aber man findet sie. Sie stehen im Hintergrund und betrachten die Szenerie im Fokus. Sie sind die dunkle Hand, die das weiße Kind führt. Manchmal sind sie auch nur ein Fuß am Bildrand, ein verschwommener Schemen, ein Teil der Kulisse.

Das leise Unbehagen vor dem Hauptgang

2006 und 2007 lebte ich in Perú im Haus einer Gastfamilie – kein Jet Set, aber doch gehobene Mittelschicht. Meine Gastschwester und ich wurden einmal für echte Schwestern gehalten, sie konnte als Gringa durchgehen, und meine Gastmutter war eine Dame von Welt und schwärmte von Paris. Ich habe mich in ihrem Haus wohlgefühlt, es war eine herzliche Familie, der ich viel verdanke. Aber hier begegnete ich auch zum ersten Mal den Hausangestellten.

Es war wie ein Sprung zurück in ein anderes Zeitalter: Alle saßen erwartungsvoll am Esstisch, und Yovi, die Köchin der Familie, trug das Essen auf. Wenn wir mit der Vorsuppe fertig waren, klopfte meine Gastmutter mit dem Löffel auf ihr Glas, sehr würdevoll, als wolle sie eine Rede halten. Tatsächlich aber war es das Signal für Yovi, uns den Hauptgang zu bringen. Wenn ich einmal später nach Hause kam und mir das Essen warmgehalten worden war, konnte es passieren, dass meine Gastmutter mich zur Eile antrieb – Yovi sollte ja meine Teller noch abspülen können, bevor sie Feierabend machte.

Die Erfahrung war befremdlich. Sie verunsicherte mich. Ich fand mich in einer Hierarchie wieder, die ich gar nicht gewollt hatte. Dass Yovi vor mir die Augen niederschlug und immer höflich »señorita« sagte, konnte ich nicht ändern. Und mit dem Unbehagen, das ich angesichts des Umgangs meiner Gastfamilie mit Yovi, aber auch mit anderen Hausangestellten – es gab noch zwei Krankenschwestern und eine Wäscherin – empfand, war ich allein. Denn im Bewusstsein meiner Gastfamilie war ja alles in Ordnung.

»Ich bin der Señora sehr dankbar«

Heute weiß ich, dass viele, die als Freiwillige oder zum Studieren nach Lateinamerika gehen, mit dem gleichen Unbehagen konfrontiert werden. Ich weiß auch, dass die ganze Sache nicht so einfach ist, wie man es sich vielleicht vorstellen möchte. In meinem zweiten Semester in Berlin, lange – lange, bevor ich das erste Mal den Löffel meiner Gastmutter auf Glas klingen hörte – hatte uns unsere Professorin von ihren Erfahrungen als deutsche Ethnologin in Afrika erzählt: Als ihr gesagt wurde, sie solle sich doch einen Hausangestellten nehmen, lehnte sie entrüstet ab, beseelt von kritischen postkolonialen Ansätzen. Sie war überrascht, bei den Einheimischen damit ebenfalls auf Entrüstung zu stoßen: Wieso wollte sie, eine Weiße, die es sich doch offenbar leisten konnte, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entgehen und jemandem die Arbeit verweigern, der sie gebraucht hätte?

Ich habe viel an diese Anekdote gedacht, wenn Yovi uns den Hauptgang brachte. Sie erklärt einiges, aber auch diese Sichtweise ist nur eine Seite der Medaille.
Später, als meine Gastfamilie Ferien in ihrem Strandhaus machte und ich weiter zur Uni ging, freundete ich mich mit Yovi und ihren beiden Töchtern an. Es hatte ein bisschen etwas von einer Telenovela, wie wir da zueinanderfanden, ich kam mir auch ein bisschen dramatisch vor, als ich eines Abends energisch meinen Teller packte und vom leeren Esstisch in die Küche trug, wo Yovi und die Mädchen aßen. Solange wir allein waren, war ich Sabri, dann gab es keine Hierarchie mehr. Sobald meine Gastfamilie vom Strand zurückkam, fiel Yovi wieder in die alte Rolle: »Señorita.« Auch das hatte etwas von einer Telenovela, aber ändern konnte ich es nicht.

»Ich bin der Señora Adri sehr dankbar«, sagte Yovi mir einmal, »sie ist fast wie eine Mutter für mich, ich habe sie sehr lieb.« Etwas anderes habe ich von ihr nie gehört, die Dinge, die mich am Verhalten meiner Gastmutter störten, empfand Yovi als selbstverständlich. Sie war die Angestellte. Sie akzeptierte das Machtverhältnis.

Die Hausangestellten in Perú: Erbe kolonialen Denkens

Es gibt viele Yovis in Perú. Ich schätze, dass es auch einige schlechter getroffen haben mögen als sie. Viele, die meisten von ihnen sind Migrantinnen, kommen aus dem Hochland, zumindest aus der Provinz in die großen Städte und sehen in der Anstellung bei der Oberschicht eine Möglichkeit, sich sauberes Geld zu verdienen. Für Yovi als alleinerziehende Mutter war es außerdem eine Chance, halbtags zu arbeiten, ihre beiden Mädchen von der Schule abzuholen und die kleine Familie trotzdem irgendwie über die Runden zu bringen.

Ein Stück weit sind die Dinge auch so wie in der Geschichte meiner Professorin: Niemand scheint es wirklich verwerflich zu finden, dass reiche Leute Hausangestellte haben – schließlich profitieren alle Beteiligten davon, oder nicht? Und irgendjemand muss ja den Abwasch machen …

Trotzdem: Das Unbehagen bleibt, und es kriecht wieder in mir hoch, wenn ich die eingangs erwähnte Fotoserie betrachte. Einer meiner peruanischen Kontakte schrieb auf Facebook sinngemäß: Es ist nicht einmal so, dass die Hausangestellten versehentlich ins Bild geraten wären oder dass man sie als Fremdkörper wahrnimmt, als etwas, das das Motiv ruiniert. Nein. Sie sind, als wären sie unsichtbar – Geister, Objekte, Teile des Mobiliars. Dinge, die einfach da sind und die man nicht groß beachtet. Und das ist die Quelle des Unbehagens: Bei allem Philosophieren über die soziale Verantwortung der Reichen und die Dankbarkeit der Armen ist es koloniales Erbe in Reinform, das hier fortgeführt wird. Machtstrukturen, die im Prinzip seit Jahrhunderten die peruanische Gesellschaft geprägt haben. Denkweisen, die ihr noch heute zugrunde liegen: Du da, du aus dem Hochland (oder vielleicht siehst du auch nur so aus, als wärst du von da), du bist weniger wert als ich. Denn du bist ja weniger weiß.

Die Fotos, die Daniela Ortiz zusammengetragen hat, illustrieren 97mal ethnologische Theorie. Manchmal so schmerzhaft deutlich, dass man kaum glauben mag, dass sie nicht gestellt sind. Aber sie sind es nicht. Wenn ich sie ansehe, höre ich das Klingen eines Löffels auf Glas, und ich weiß, dass ich – bei allem Geld, bei aller Verantwortung, die das mit sich bringt – Menschen niemals als Dinge betrachten möchte.

P.S. Yovi und ihre Töchter habe ich noch oft wiedergesehen. Eigentlich jedes Mal, wenn ich nach Perú kam. 2011 kamen sie zu meiner Geburtstagsfeier, wir aßen in einem arequipeñischen Traditionslokal. Irgendwo habe ich davon noch ein Foto – wir alle am Tisch, wie wir lächeln. Ein Foto, auf dem man Yovi nicht suchen muss. Daran denke ich, wenn ich diese Fotoserie durchklicke, wenn mich 97 Yovis verschwommen aus dem Hintergrund betrachten.

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Bildnachweis: ionasnicolae/Pixabay