Nach zwei Jahren Studium in Bonn bin ich nun wieder zurück nach Berlin gezogen. Zwischen Erkältungstee und Umzugskisten wollte ich eigentlich längst einen kleinen Rückblick schreiben. Oder meinen Blog sonstwie füttern. Doch zur Zeit ist alles etwas schwierig in der Autorenbude: Hier wohnen zu viele … Persönlichkeiten.

Ich sitze am Schreibtisch und will etwas für meinen Texterjob erledigen. Plötzlich wird mir ein Zettel unter die Nase gehalten. »Guck mal, meine Wartenummer. Ich bin jetzt dran!«
Ich blicke auf das Papier: Es ist ein alter Kassenzettel, auf den mit rotem Filzstift eine 0 gemalt ist. Da wollte jemand wohl sichergehen, dass wirklich niemand vor ihm drankommt.
»Das ist keine Wartenummer«, sage ich und drehe mich um. »Und wer bist du eigentlich? Moment mal, du bist der Neben-Antagonist aus dem historischen Roman! Du brauchst keine Wartenummer, dich bringe ich sowieso um!«

»Sicher? Er sagt, er ist plotrelevant!«, ruft der spanische Conquistador, der im gleichen Projekt eine meiner Hauptfiguren ist, aus der Küche.
»Fermín! Komm von meinem Tee-Regal weg!«
»Kräutermischung Schatz der Inka! Den will ich kosten!«

Ich springe auf und stolpere fast über den schwarzen Wolf aus dem Geheimprojekt mit historischer Fantasy. Er liegt im Weg und kaut an einem Knochen, den wahrscheinlich die Figuren aus meinem Roman für diesen NaNoWriMo angeschleppt haben. Das Papageienskelett aus meiner Tango-Steampunkserie sitzt auf dem Bücherregal und betrachtet den Wolf skeptisch, während es an einem Ingwerkeks knabbert. Na toll, und wer darf nachher die Krümel wieder wegmachen?

Ich brauche Ruhe. Dringend! Eine Runde Schmökern auf meinem blauen Sofa. Doch das ist besetzt, stelle ich fest. Meine beiden Helden aus dem letztjährigen NaNo-Roman sitzen dort und lassen sich von der Protagonistin der Familiensaga erklären, wie ein Fotoapparat funktioniert. Der Bischof von Panama, den ich eigentlich gar nicht eingeladen habe, stellt sein Espresso-Tässchen zur Seite, damit er mit auf den Selfie passt.

»Das ist mein Sofa«, beklage ich mich bei dem Cabana-Priester aus der historischen Kriminalnovelle, der mit säuerlicher Miene neben mir steht. Erst später werde ich den Grund dafür erfahren – der Espresso war eigentlich seiner.

In der Küche hat der Conquistador herausgefunden, wie man meinen Wasserkocher bedient. Es gibt Schatz der Inka für alle. Der aztekische Fürstensohn aus dem NaNo-Projekt 2014 möchte eine Sonderbehandlung, findet aber den Aztekengold-Tee nicht. Der charmante Museumswächter aus dem dreizeiligen Pitch für ein neues Projekt sieht den zwar, hält aber mit spitzbübischem Lächeln die Klappe.

»Gibt es noch Ingwerkekse?«, ruft das Papageienskelett vom Bücherregal und krümelt fröhlich auf den Wolfspelz.

Mein kleiner Erfindermönch aus dem Tango-Steampunk steckt den Kopf in die Küche und quietscht begeistert, als er den Wasserkocher entdeckt. »Hervorragend! Das hat Salomon noch gefehlt!«

»Wer ist Salomon?«, frage ich, obwohl ich Übles ahne. Bibelnamen vergibt mein Mönch nur an seine Erfindungen.
Er strahlt mich an. »Salomon ist deine neue Wartenummernmaschine! Er funktioniert mit Dampfkraft und Zahnrädern. Und wenn ich deinen Wasserkocher dort verbaue, kocht er den Wartenden Tee!«

»Auch heiligen Holundertee?«, fragt das Huhn unter dem Schreibtisch hervor.

»Ihr wollt doch nicht etwa alle hier bleiben? Ich kann so nicht arbeiten!«

»Ach was«, sagt der Neben-Antagonist und reicht mir eine Teetasse, »das schaffst du schon.«

»Alle mal lächeln!«, ruft der Bischof von Panama und macht ein Gruppenbild von uns. Hinterher habe ich Ingwerkekskrümel im Haar.

Autorendasein. Ich liebe es.