… das Genie überblickt das Chaos.

Heißt es. Sage ich auch immer, denn hey, ich schlage damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich habe die perfekte Ausrede, nicht aufräumen zu müssen, und ich erkläre mich selbst zum Genie. Letzteres stimmt zwar nicht einmal ansatzweise, aber es gibt mir die Freiheit, eine längsgestreifte Haushose unter meinem quergestreiften Alpakawollrock zu tragen.

Jedenfalls sind Ordnung und Chaos nicht nur ein Thema bei der Jagd auf die legendäre zweite Socke (ihr wisst schon, das schwarze Loch in der Waschmaschine und so), sondern vor allem, wenn es darum geht, die eigenen Dokumente zu organisieren. Eigentlich bin ich da sehr ungenial, aber aufgeräumt zugange: Woran ich gerade schreibe, landet im Ordner Projekte in Arbeit. Was überarbeitet werden muss und wird, liegt im Ordner Überarbeitung. Und was fertig ist, kommt in Fertige Projekte. So weit, so gut.

Manchmal bin ich unterwegs und schreibe dann an meinem Netbook. Ein USB-Stick — von innen größer als von außen — hilft mir dabei, die Dateien zwischen den Computern hin und her zu schubsen. Das ergibt dann oft Ordnernamen wie »Schuffy am Ostkreuz«, aber insgesamt funktioniert es erstaunlich gut.

Normalerweise.

Letztes Jahr verbrachte ich ja einige Monate in Peru und gönnte mir eine Woche Schreibklausur in einem malerischen Andendorf ohne Internet, um meine Tango-Steampunkserie »Milonga« endlich voranzubringen, genauer gesagt: um die störrische vierte Episode endlich mal fertig zu schreiben. Das hat sehr gut funktioniert. Ich schrieb mit Blick auf traumhafte Berglandschaft, Avocadobäume und umschwirrt von Kolibris, und die Folge fand ihr Ende und wurde unter »Milonga in Peru« auf meinem Netbook abgespeichert. Später wanderte sie in den Ordner »Kram aus Peru« auf meinem USB-Stick. Um die Weihnachtsfeiertage herum fand ich, dass ich mal kleingeistig aufräumen könnte, und löschte alles auf meinem USB-Stick, was ich schon auf den heimischen Rechner übertragen hatte, und auf meinem Netbook räumte ich auch großflächig auf und leerte vor allem mal den aus allen Nähten platzenden virtuellen Papierkorb (ebenfalls von innen größer als von außen).

Warum ich das alles erzähle? Weil ich nun, über ein halbes Jahr nach der Fertigstellung von »Milonga in Peru« endlich wieder weiter mit dem Gesamtprojekt machen wollte und dafür den entsprechenden Ordner auf meinem Laptop öffnete. Folge 1, 2 und 3 meldeten sich brav anwesend. Folge 4 kicherte hämisch und erwies sich als eine uralte, unvollständige Version aus der Zeit vor Peru. Ich stöberte weiter. Aber keine Folge 4.

Okay, dachte ich, die liegt dann wohl noch auf meinem Netbook. Ich erweckte das Schätzchen aus seinem Dornröschenschlaf und öffnete triumphierend den Ordner »Peru« auf dem Desktop. Keine Spur von Milonga. Nun, dann lag die Folge wohl doch noch auf dem Stick? Ich stöpselte ihn ein, schob die Ordner mit den Uni-Vorträgen aus dem ersten Semester und die Urlaubsfotos aus Sardinien zur Seite und fand … nichts. Dann erinnerte ich mich an das weihnachtliche Aufräummanöver und spürte erste, dezente Besorgnis. Ich hatte doch nicht etwa …?

Glücklicherweise war eine Wiederherstellunsgssoftware an Bord, die auf Zuruf sofort eifrig das System scannte und Dokumente ans Tageslicht förderte, von denen ich gar nicht mehr gewusst hatte, dass es sie je gegeben hatte. (»Schuffy in der Küche.«) Keine Folge 4. Ich schubste das Programm mit einer Grubenlampe in die Tiefen von Papierkorb und USB-Stick, und es brachte fröhlich weitere Fundstücke mit, aber … ihr ahnt es. Keine. Folge. Vier.

An dieser Stelle begann die Panik. Ich hatte so lange mit Folge 4 gekämpft — und war über ihre Fertigstellung so erleichtert gewesen, dass ich sofort verdrängt hatte, worum es da eigentlich ging. Rekonstruktion aus dem Gedächtnis? Unmöglich, allein schon wegen des Frustfaktors. Ich kaute an der Schreibtischplatte und erwog verschiedene Verzweiflungstaten vom Plündern der weihnachtlichen Schokoladenrückstände bis hin zum endgültigen Exil auf einer Karibikinsel.

Während die Wiederherstellungssoftware ankündigte, sich für die nächsten zwei Stunden wirklich in die tiefsten Tiefen meines Netbooks abzuseilen und vielleicht ein paar Dokumentfitzel ans Licht zu holen, setzte ich mich an meinen Laptop und öffnete ohne Hoffnung den Order Überarbeitung.

»Milonga in Peru« aka Folge 4 lächelte und winkte mir freundlich zu.

Ich hatte meine in Peru geschriebenen Sachen natürlich doch schon längst auf den Laptop verschoben. Und, weil ich manchmal eben doch erfrischend kleingeistig bin, direkt in den richtigen Ordner (wodurch sie nebenbei bemerkt auch auf dem externen Backup-Server gesichert war).
Wie schon der Frosch beim Erwürgen des hungrigen Storchs bemerkte: Manchmal überrasche ich mich selbst. Und finde es nicht schlimm, kein Genie zu sein, obwohl meine Aufmerksamkeitsspanne eines verwirrten Zitronenfalters* tendenziell doch zu einem passen würde. Mein Chaos überblicke ich jedenfalls — bei der Ordnung muss ich wohl noch üben …

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*Die wurde mir von einem guten Freund attestiert.**
** Okay, erwischt. Es war eine Romanfigur.