Eigentlich hatte ich heute vor, mich an einen perubezogenen Blogeintrag zu setzen, den ich schon seit letztem Herbst angehen will. Dann aber flatterte mir eine Pressemitteilung von Survival International ins Postfach. Sie befasst sich mit dem Fotoband »Before They Pass Away« des Fotografen Jimmy Nelson, von dem ich ehrlich gesagt noch nie gehört hatte. Die Pressemitteilung hat mich allerdings sehr aufgewühlt, sodass ich ein wenig weiterrecherchiert habe. Und da ich dann noch immer wütend war, habe ich beschlossen, dass ein Blogeintrag zu diesem Thema her muss.

Worum geht es?

Wie erwähnt ist »Before They Pass Away« ein Fotoband. »Schwer genug, um einen Kaffeetisch ächzen zu lassen«, wie in einem Online-Artikel der Zeit geurteilt wird, und zu haben für rund 130 €. Darin porträtiert Jimmy Nelson Angehörige verschiedener indigener Gruppen rund um den Globus: von Äthiopien über Sibirien und Nepal bis nach Ecuador und Argentinien. Auf der Website des Fotografen bekommt man einen Eindruck, auf welche Weise die Menschen im Buch in Szene gesetzt werden. »Carefully orchestrated portraits coming alive on every page«, heißt es dort. Und: »Photographs of painted bodies, pure spirits and free souls.« Wir sehen also Menschen in scheinbar unberührter Natur, bemalt, geschmückt, Ausdruck des Fremden und Exotischen.

Was aber ist schlimm daran? Sollte ich als Kulturanthropologin und Ethnologin nicht schleunigst in den nächsten Buchladen stiefeln, um dieses Buch, das auf der Website als »Jimmy Nelson’s triumphant celebration of the tribal people« angepriesen wird, zu kaufen und mich darüber freuen, dass sich ein Fotograf die Mühe gemacht hat, die ethnische und kulturelle Vielfalt des Planeten derartig opulent zu porträtieren? Sollte ich mich nicht über das Engagement freuen und die Bilder einfach bewundern? Wo liegt das Problem, und warum kritisiert auch Survival International in seiner Pressemitteilung den Bildband? Und wie legitim ist es, wenn ich ein Buch kritisiere, in dem ich noch gar nicht geblättert habe?

Was mich — und der Pressemitteilung nach zu urteilen auch den Direktor von Survival International — an Nelsons Arbeit stört, sind insbesondere drei Punkte. Auf die werde ich etwas genauer eingehen.

Das Bild des edlen Wilden

Zum Einstieg ein Zitat von Jimmy Nelsons Website:

»The purity of humanity exists. It is there in the mountains, the ice fields, the jungle, along the rivers and in the valleys. Jimmy Nelson found the last tribesmen and observed them. He smiled and drank their mysterious brews before taking out his camera. (…) Whether in Papua New Guinea or in Kazakhstan, in Ethiopia or in Siberia, tribes are the last resorts of natural authenticity.«

Hier atmet jede Zeile eine verklärte und gleichermaßen eingestaubte Romantik. Denn indigene Gruppierungen als Inbegriff menschlicher Reinheit und natürlicher Authentizität zu sehen, das ist nichts anderes als das Klischee des »edlen Wilden«, das in den Geistes- und Sozialwissenschaften durchaus mal in Mode war. Dummerweise ist das schon eine ganze Weile her. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) war im Zeitalter der europäischen Aufklärung ein ganz begeisterter Anhänger dieses Bilds, wenngleich nicht sein Erfinder. Tendenzen dieser Art finden wir schon viel früher, es reicht, in den Aufzeichnungen des Christoph Kolumbus zu lesen, in denen das teilweise schon recht deutlich anklingt. (»Ich meine, es gibt keine besseren Menschen auf der Welt«, schreibt er beispielsweise am 25.12.1492 über die Kariben, die er auf seiner Reise angetroffen hat.)

Vor allem die Europäer sprechen also schon seit Jahrhunderten gern über die »edlen Wilden« und ihre Naturverbundenheit — spätestens seit Rousseau mit einer gewissen Sehnsucht. Denn jene Gruppen stehen in der westlichen Vorstellungswelt gleichsam für das verlorene Paradies und für alles, was die »moderne« Gesellschaft vergessen oder geopfert hat. Es ist also viel Wunschdenken im Spiel, viel Idealisierung — und dadurch hat das Bild des edlen Wilden letztlich kaum noch etwas damit zu tun, wie bestimmte indigene Gruppen wirklich sind, sondern wie der »Westen« sie sich zurechtträumt. Problematisch daran ist vor allem: In dieser Sichtweise fallen kulturelle Inhalte und Bedeutungen der indigenen Gruppen selbst unter den Tisch. Wichtig sind allein die Sehnsüchte und Vorstelllungen des Betrachters.

So, wie es aussieht und wie es auch die Texte auf der Website suggerieren, ist »Before They Pass Away« in erster Linie ein Dokument dieses romantisierenden Blickwinkels. Auch die Zeit Online erkennt in ihrer kurzen Besprechung, »dass es hier nicht darum geht, die Realität abzubilden«, sondern dass Nelson die Indigenen so darstellt, »wie sie nur in unserer Vorstellung existieren«.

Gerade das ist ein Punkt, den auch Survival International kritisiert. In der Pressemitteilung heißt es, »[das] Buch erwecke einen falschen und schädlichen Eindruck von indigenen Völkern«. Und ich stimme mit diesem Kritikpunkt vollkommen überein. Denn Nelsons Begleittexte, die von Reinheit und Authentizität sprechen, schaffen wenig bis kein Bewusstsein dafür, wie sehr es hier um Konstrukte geht, die der Phantasie und Erwartungshaltung von Fotograf und Publikum angepasst sind. Fotografie ist in dieser Hinsicht aber auch eine wundervoll trügerische Angelegenheit. Der Anspruch oder vielmehr die Illusion, sie bilde die Dinge ab, wie sie in Wirklichkeit sind, begleitet diese Technik seit ihrer Erfindung, und dass es eben auch immer eines Menschen hinter der Kamera bedarf, der durch die Wahl von Motiv, Blickwinkel, Bildausschnitt und tausend anderen Details eben keine absolute Wahrheit, sondern einen sehr subjektiven Ausschnitt davon ablichtet — das wird allzu gern vergessen. Und darum ist Nelsons Darstellung so problematisch: Sie suggeriert Realität, wo es (auch) um Fiktion geht.

Das Problem mit dem Evolutionismus

»This art book transports you to the beauty of our origins«, heißt es auf der Website weiter. Und ich das gelesen habe, musste ich gleich noch mal hingucken. Aber es steht da wirklich.

Evolutionismus? Ja, wir wissen seit dem 19. Jahrhundert und Herrn Darwin, was es damit auf sich hat. Mir geht es hier aber nicht um Evolution als biologisches Phänomen, sondern um evolutionistische Theorien in der Kulturanthropologie (und den Sozialwissenschaften allgemein). Auch die waren eine Zeitlang sehr in Mode — vor allem im Kielwasser Darwins. Frühe Ethnologen waren oft überzeugt, dass unsere modernen Gesellschaften sich entlang eines ganz bestimmten Evolutionsschemas entwickelt haben. Indigene Gruppen, die ihr Leben in grundlegend anderer Weise organisierten, konnten vor diesem Hintergrund nur als eines begriffen werden: als Überbleibsel, »survivals«, einer früheren Evolutionsstufe.

Wenn in Bezug auf Nelsons Fotografien also von der »Schönheit unserer Ursprünge« gesprochen wird, schrillen bei mir alle ethnologischen Alarmglocken. Denn wissenschaftsgeschichtlich sind die evolutionistischen Theorien zwar durchaus wichtig und haben teilweise wichtige Impulse geliefert — gleichzeitig sind sie aber vor allem eines: überholt und heute nicht mehr haltbar. Die Gründe dafür lassen sich recht schnell zusammenfassen: Erstens gingen diese Theorien von der Grundannahme aus, dass die westliche industrialisierte Gesellschaft das Maß aller Dinge sei, der Höhepunkt der sozialen Evolution und somit das Modell für alle Gesellschaften (und Kulturen).

Zweitens pickten sich evolutionistische Schemata meistens einen Aspekt menschlicher Kultur heraus, der als Parameter für die Entwicklung herhalten musste. Zum Beispiel Formen wirtschaftlicher Organisation (Jäger und Sammler — Viehzucht und Ackerbau — Industriegesellschaft), politischer Organisation (akephale, d.h. führungslose Gesellschaften, Häuptlingstümer, Königstümer) oder andere kulturelle Aspekte (von Magie über Religion zur Wissenschaft, wie es beispielsweise der britische Anthropologe James Frazer annahm).
Leider (oder eher: erfreulicherweise) ist die Wirklichkeit um einiges komplexer als solche eingleisigen Evolutionsschemata. Und so gerieten evolutionistische Ethnologen rasch an die undankbaren Fallbeispiele, in denen die untersuchten Gruppen die Frechheit besaßen, beispielsweise als Jäger und Sammler zu leben, aber sich in Königstümern zu organisieren, was sie von der evolutionistischen Theorie aus gedacht gar nicht gedurft hätten.

Kurz gesagt also: Evolutionismus als sozialwissenschaftliche Theorie ist ziemlicher Quatsch. Aber Jimmy Nelsons romantisierende und vereinfachende Darstellungen schmecken sehr stark nach diesen überholten Theorien: »I purely wanted to create a visual document that reminds us and generations to come of how beautiful the human world once was.«

Eingefroren in Raum und Zeit

Ja, ich weiß, das ist bis hierher schon sehr lang geworden. Aber ihr habt es bald geschafft. Dieser Punkt ist aber leider auch noch wichtig und hat sehr viel mit den anderen beiden zu tun. Denn indem Jimmy Nelson die indigenen Gruppen als Überbleibel einer verlorenen Vergangenheit darstellt (die ihrerseits unausweichlich dem Untergang geweiht sind), spricht er ihnen — und das ist wieder sehr evolutionistisch gedacht — jede Form von Entwicklung und Veränderung über die Jahrhunderte hinweg ab. In der Survival-International-Pressemitteilung findet sich als Zitat Nelsons Behauptung, die porträtierten Kulturen seien seit »Tausenden von Jahren unverändert«; die Originalform dieses Zitats konnte ich jetzt nicht finden, doch es würde sich sehr gut in Nelsons sonstigen Diskurs einfügen.

Natürlich gibt es indigene Gruppierungen, in denen Bräuche, Rituale, Tänze und anderes praktiziert werden, die auf eine lange Geschichte zurückblicken. Als Altamerikanistin und Peru-Reisende bin ich in den Anden über genug Beispiele dafür gestolpert. Doch erstens gibt es das schöne Phänomen der »erfundenen Traditionen« (invented traditions, geprägt von dem Historiker Eric Hobsbawm), das besagt, dass häufig Bräuche als sehr viel älter dargestellt (oder empfunden) werden, als sie tatsächlich sind. (Ein Beispiel: die Muster schottischer Kilts. Oder — Weihnachten.)

Zweitens verändern sich Traditionen. Menschen und menschliche Gruppen sind keine unveränderlichen Blöcke, an denen die Geschichte einfach so abprallt. Und in den allermeisten Fällen hausen sie auch nicht komplett isoliert in unzugänglichen Regionen und ziehen Schutzwälle gegen alle äußeren Einflüsse hoch. Ja, es gibt unkontaktierte Völker, die das auch gerne bleiben möchten, aber ich bezweifle, dass sämtliche von Nelson porträtierten Gruppen dazu zählen, denn dann hätte er wohl eher keine Bilder von ihnen bekommen. Unberührte (wovon?) und unveränderte (im Vergleich zu wann?) Traditionen gibt es also nicht. Zu behaupten, man habe sie gefunden und fotografiert, ist wiederum nur Ausdruck eines romantisierenden Weltbildes, der »Fantasie eines Fotografen«, wie es in Survivals Pressemitteilung heißt.

Diese Vorstellung, die Gruppierungen seien unverändert und unberührt, äußert sich dann noch in einem weiteren Punkt, für den ich ein weiteres Mal aus der Pressemitteilung zitieren möchte:

»In der Beschreibung der Mursi in Äthiopien beispielsweise gibt es keine Erwähnung der Zwangsvertreibungen, des Verschwindenlassens, der Schläge und Angriffe, denen sie ausgesetzt sind. In der Beschreibung der Tibeter findet sich keine Erwähnung von Chinas brutaler Unterdrückung. Es gibt keine Erwähnung der rund 100.000 Papua, die Schätzungen zufolge seit der unbarmherzigen Besetzung durch Indonesien umgekommen sind. Nein, die indigenen Völker scheiden ganz einfach dahin, es ist ihr ›unausweichliches‹ Schicksal. Das ist gefährliche Effekthascherei, die in die Hände jener spielt, die wollen, dass diese Völker so schnell wie möglich ›dahinscheiden‹.« (Stephen Corry, Direktor von Survival International)

Mit anderen Worten: Reale Probleme und Konflikte, welche im Alltag der porträtierten Gruppen durchaus eine Rolle spielen, werden in den Begleittexten von »Before They Pass Away« offenbar einfach weggelassen. Sie passen nicht ins Bild.

Fazit eines viel zu langen Blogeintrags

Wer es tatsächlich geschafft hat, sich das hier alles durchzulesen, der kann meine Bauchschmerzen angesichts des Bildbands jetzt vielleicht verstehen. Rein ästhetisch und künstlerisch mag das eine tolle Arbeit sein, ja. Der Ansatz, ein Bewusstsein für bedrohte Gruppierungen zu schaffen, ist an sich auch durchaus gut.

Doch durch den romantisierenden, vereinfachenden Blick, der vieles eher fotografischer Eitelkeit unterzuordnen scheint, bekommt das Projekt insgesamt einen schalen Beigeschmack. Die Porträtierten fungieren hier nur als Objekte für den nach Exotik und Ursprünglichkeit dürstenden Betrachter. In dieser Darstellung ist kein Platz für Komplexität und Widersprüche. Die Benennung konkreter Konflikte ist offensichtlich kein Thema, vielleicht, weil sie zu unpoetisch sind und nicht zu der pittoresken Melancholie passen, die den Betrachter angesichts der Bilder überkommen soll. Nelson formuliert auf seiner Website explizit, dass hier Schönheit für die Nachwelt dokumentiert werden soll. Darüber werden die Fotografierten definiert. Es geht nicht darum, sie als gleichberechtigte Akteure in einer gemeinsamen Welt zu begreifen oder zu befähigen. Wichtig ist allein die Befindlichkeit des westlich-modernen Publikums, das sich angesichts der Bilder ein wenig antiquierte Schwermut erlauben darf, die so viel kleidsamer ist als kritisches Bewusstsein oder konkrete Handlungsvorschläge.

Schade, Herr Nelson. Wirklich.

Anmerkung: Wer sich selbst ein Bild machen will – Nelsons Fotos sind zur Zeit wohl in Berlin ausgestellt.
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Quellen

Pressemitteilung von Survival International, »Survival International kritisiert Jimmy Nelsons ›Portraits‹ indigener Völker«, 02.06.2014
Zeit Online, »Porträts von Jimmy Nelson: Die letzten Vertreter ihrer Kultur«, 17.10.2013
Website von Jimmy Nelson, www.beforethey.com
Tzvetan Todorov 2008 (1982), »La Conquista de América«, Siglo Veinituno Editores, Buenos Aires.

Alle Seiten zuletzt abgerufen am 02.06.2014