Es wird spannend: Die peruanische Präsidentschaftswahl steht unmittelbar bevor. Die letzten Monate des Wahlkampfs waren ausgesprochen bewegt. Zwei Kandidaten wurden ausgeschlossen, Keiko Fujimori führt die Umfragen weiterhin an, doch im Rennen um die Präsidentschaft ist letztendlich noch alles offen.

Zu Beginn eine Empfehlung: Sehr lesenswert ist eine aktuelle Publikation der Friedrich-Ebert-Stiftung, die einen guten deutschsprachigen Überblick nicht nur zum aktuellen Wahlkampf, sondern auch allgemein dem peruanischen Wahlsystem gibt: »Wahlkampf mit Überraschungen in Peru — Ausgang offen« (Download als PDF). Sie skizziert beispielsweise die Änderungen im Wahlrecht, die einige Kandidaten gründlich zu Fall gebracht haben:

»Die Änderungen des Wahlrechts traten mitten im laufenden Wahlprozess in Kraft. Dies führte zu erheblichem juristischen Klärungs- und Entscheidungsbedarf darüber, welche neuen Regelungen bereits für diese Wahlen von Relevanz sein sollten.«
Astrid Becker, »Wahlkampf mit Überraschungen in Peru — Ausgang offen«

Becker zufolge wurden durch diese Beschlüsse »die eigentlich im Hintergrund arbeitenden Wahlbehörden zu entscheidenden Akteuren dieses Wahlkampfes«. Die Kandidaten César Acuña und Julio Guzmán wurden beide vom nationalen Wahlgerichtshof JNE ausgeschlossen: Guzmán wurden Formfehler in Abwicklung und Dokumentation seiner parteiinternen Wahl zum Kandidaten vorgeworfen, Acuña hingegen brachen neuerdings verbotene Wahlgeschenke das Genick. Über die Plagiatsvorwürfe gegen Acuña hatte ich ja bereits berichtet. (Gegen diese Vorwürfe verteidigte er sich irgendwann übrigens mit dem philosophisch anmutenden Ausspruch: »Es ist kein Plagiat, es ist eine Kopie!«)

Kandidatenprofil: Keiko Fujimori

Bereits 2011 kandidierte Keiko Fujimori, unterlag damals aber im zweiten Wahlgang Ollanta Humala, der in den fünf Jahren seiner Amtszeit beständig mehr Popularität eingebüßt hat. Keiko führt die Umfragen souverän an — allerdings auch die »antivoto«-Werte. Das heißt, dass Keiko auch die Kandidatin ist, bei der am meisten Leute rigoros ausschließen, sie zu wählen.

Das hängt ganz klar mit ihrer politischen Herkunft und Vergangenheit zusammen, denn Keiko ist die Tochter des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori, der 2009 — übrigens ebenfalls im April — zu 25 Jahren Haft wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption verurteilt wurde. Astrid Becker urteilt, es sei Keiko Fujimori »bisher nicht glaubhaft gelungen, aus dem Schatten ihres Vaters zu treten«. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Keikos politisches Erbe ist gleichermaßen ihr größtes Kapital — und ihr größtes Problem.

Kandidatenprofil: Pedro Pablo Kuczynski

Der »PPK« genannte Politiker liegt in den Umfragen derzeit auf dem zweiten Platz, schafft es aber nicht, den Abstand zu Keiko zu verkleinern. »Die gute Nachricht ist, dass er keine Wähler verliert«, schreibt Mauricio Saravia auf der Plattform Utero.pe, »die richtig schlechte hingegen, dass er auch nichts gewinnt.« Seiner Beobachtung zufolgte hat PPK insbesondere Stimmen bei den Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren verloren, obwohl er zuvor in gerade diesem Segment stark war. Becker verweist auf den signifikanten Anteil dieser Wählergruppe, der bei 30% der Wahlberechtigten liegt.

Ein Grund dafür könnten möglicherweise seine rüden Attacken gegen seine Mitbewerber sein. Über Verónika Mendoza sagte Kuczynski kürzlich beispielsweise, diese habe »in ihrem hündischen Leben« (perra vida) noch »rein gar nichts gemacht«. Später versuchte er es mit einer halbherzigen Entschuldigung, die Internetmemes ließen indes nicht auf sich warten: Eines zeigt Snoopy, wie er sich auf seiner Hundehütte räkelt, mit dem Schriftzug: »Ich mache rein gar nichts in meinem Kuczynski-Leben.«

Kandidatenprofil: Verónika Mendoza

Verónika Mendoza, die Kandidatin des linksgerichteten Bündnisses Frente Amplio, lag noch Anfang des Jahres erschreckend statisch bei 2%. Mittlerweile ist sie in den meisten Umfragen nahezu gleichauf mit Kuczynski. Viele sehen in der 35jährigen Mendoza die einzig wirkliche Chance auf tiefgreifende Veränderung. Die Zeitschrift Semana Económica fasst Mendozas Programm wie folgt zusammen:

Mendoza hat betont, dass sie eine Wirtschaft jener unterstützen wird, ›die das Land bewegen‹, außerdem eine Erhöhung des Mindestlohns auf 1.000 Soles [Anm.: knapp 260 Euro]. Sie will die Steuerbefreiungen der Reichsten aufheben. Wirtschaftlich will sie die Bedeutung des Bergbaus reduzieren — und damit die des damit verbundenen ausländischen Kapitals — und stattdessen Landwirtschaft und Tourismus stärken.
Giovani Alarcón, »¿Por qué Verónika Mendoza sube en las encuestas?«

Außerdem spricht sich Mendoza für in Peru brisante Themen wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften aus (der vor einiger Zeit von anderer Seite eingebrachte Gesetzentwurf für eine »unión civil« war in der Abstimmung gescheitert) und thematisiert auch Frauenrechte besonders nachdrücklich.

Wie erklärt sich Mendozas Aufholjagd in den Umfragen?

Dass »Vero«, wie ihre Anhänger sie nennen, so kurz vor der Wahl wirklich reelle Chancen auf den Einzug in den zweiten Wahlgang hat, erscheint verblüffend. Verschiedene Ansätze versuchen, ihren Stimmgewinn zu erklären. Mauricio Saravia argumentiert beispielsweise, dass Verónika Mendoza nur in geringem Umfang von jenen profitiert, die ursprünglich Guzmán oder Acuña wählen wollten, dass sie es aber in besonderem Maße schafft, Unentschlossene von sich zu überzeugen: »Die Kandidatin des Frente Amplio steigt in den Umfragen, weil die Zahlen der Unentschlossenen sinken.«

Auch die bereits erwähnte Gruppe der jungen Wähler (18-24 Jahre) ist ein Sektor, in dem Mendoza besonderen Zuwachs verzeichnen kann. Und nicht nur das: »Dass sie eine Frau ist, ist ein Schlüsselfaktor für jene, die für Verónika Mendoza stimmen wollen«, schreibt Alarcón. »24% derjenigen wollen das aus diesem Grund tun.« Bei Keiko Fujimori seien das übrigens 31%.

Warten auf den Sonntag

Keiko, PPK, Vero: Der Wahlkampf bleibt bis zur letzten Minute spannend und wie es im zweiten Wahlgang im Juni weitergehen wird, steht noch in den Sternen.

Fun Fact zum Schluss: Facebook wird seinen peruanischen Nutzern übrigens an diesem Sonntag den »Ich habe bereits gewählt!«-Button anbieten, wie Peru21 berichtet.

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Quellen:

Alarcón, Giovani (Semana Económica): »¿Por qué Verónika Mendoza sube en las encuestas?« (5. April 2016)

Becker, Astrid (Friedrich-Ebert-Stiftung): »Wahlkampf mit Überraschungen in Peru — Ausgang offen« [PDF]

Saravia, Mauricio (Utero.pe): »¿De dónde salieren los puntos que han colocado a Verónika Mendoza en los primeros lugares de las encuestas?« (4. April 2016)

Peru21.pe: Facebook Perú tendrá por primera vez megáfono electoral (7. April 2016)