»Es hatte eine Zeit gegeben, da war Schreiben für sie wie Atmen gewesen. Die Worte purzelten aus ihr heraus wie Sturzbäche und wurden zu ungelenken Tintenklecksen auf liniertem Papier.«
(Kondorkinder – Der Fluch des Spiegelbuches)

Am Anfang war die Schreibblockade.
Im Nachhinein weiß ich, dass es eine gewesen sein muss. Sie fällt im Prinzip zusammen mit meinem Bachelorstudium – einer Zeit, in der ich meine meiste Energie für das Schreiben von Hausarbeiten und das Lesen von Studienlektüre aufwandte. Oder für Online-Artikel. Aber Geschichten erzählte ich in dieser Phase nur sehr, sehr wenige, obwohl es mir schmerzlich fehlte. In der Endphase meiner Schulzeit hatte ich regelmäßig Kurzgeschichten geschrieben, mit Freunden aus meinem Jahrgang eine Lesungsreihe organisiert und war insgesamt unglaublich produktiv gewesen.

Dabei war es nicht so, dass ich nie Lust zum Schreiben und Geschichtenerzählen gehabt hätte. Es funktionierte nur nicht. Die Ideen weigerten sich, zu Geschichten zu werden.

Die Reise nach Peru: Rückkehr zu den Büchern

Notizbuch Zwischen Bachelor und Master ging ich für ein halbes Jahr nach Peru. Es war meine dritte Reise dorthin und eine, in der ich besonders viel Kraft tankte, mein großes Aufatmen nach dem Studium. Ich machte ein Praktikum in einer Quechua-Sprachschule (ironischerweise unterrichtete ich dort Deutsch), reiste viel herum – und plünderte die Buchhandlungen von Arequipa. Endlich kam ich wieder zum Lesen. Ab und zu gönnte ich mir den Luxus, das Wochenende nur mit einem Stapel Bücher im Bett zu verbringen. Herrlich!

In dieser Zeit kaufte ich mir auch ein Notizbuch in meinem liebsten Schreibwarengeschäft, mit blauem Einband und karierten Seiten, in dem ich alles Mögliche notierte. Das Buch besitze ich immer noch. Es sieht sehr abgegriffen aus, schließlich hat es mich auf weiten Wegen begleitet. Beim Durchblättern finden sich Reisenotizen, To-Do-Listen, Zitate aus Büchern, die mich beeindruckt hatten (eines meiner liebsten ist das des peruanischen Autors Ciro Alegría: »Die Nacht schlägt mit Kondorflügeln«) und Reflexionen über mich selbst. Im Nachhinein überrascht es mich zu lesen, wie klar ich damals das Fehlen des Schreibens empfand – und wie bewusst ich mir vornahm, es zurückzuerobern. In meiner Liste mit guten Vorsätzen für das Jahr 2009 steht denn auch nichts weniger als: Mein Roman.

»Kondorkinder«: Erste Ideenfragmente

Notizbuch von nahem Worum es in diesem Roman gehen sollte, dafür sammelte ich schon erste Ideen in diesem Notizbuch. Es gibt sogar einen Kapitelplan, in dem das Wort »Kondorkinder« auftaucht. Meine erste Hauptfigur stand schon damals fest: Malinka, die das Schreiben verloren hat und in Peru zurückgewinnen will. Daneben gab es andere Figuren, die es letztlich in den endgültigen Cast der »Kondorkinder« geschafft haben, aber auch einige, die dort gar nicht mehr auftauchten. Und Matteo, meine zweite Hauptfigur, kam in diesem Konzept noch gar nicht vor. Stattdessen gab es einen pfiffigen Kolibri namens Pillpintu – den ich strenggenommen aus einem Gemeinschaftsprojekt mit einem lieben Schreibkollegen geklaut hatte, das wir leider nie fortgesetzt haben – und ein geheimnisvolles Manuskript, das Malinka aus dem Quechua übersetzen sollte (ihr könnt euch sicher denken, wie der Titel lautete). Darin sollte die Geschichte eines Liebespaars aus der Vergangenheit vorkommen – er Indigener, sie Spanierin.

Mit anderen Worten: Einige zentrale Elemente, die später im Buch tatsächlich eine Rolle spielen, sind in meinen Notizen schon angelegt. Trotzdem ist das Konzept noch ein ganzes Stück vom späteren Roman entfernt, und die eigentliche Storyline sollte am Ende doch sehr anders verlaufen.

Alles nur für die Schublade?

Als ich dann im Frühjahr 2009 nach Berlin zurückkehrte, fing ich trotzdem nicht mit der Arbeit am Roman an. Wieder einmal waren andere Dinge wichtiger: Ich suchte mir einen Nebenjob, bezog meine erste eigene Wohnung und fing mit dem Master an. Nebenbei arbeitete ich ehrenamtlich bei einem Webradioprojekt und betreute dort immerhin die Rubrik für Kindergeschichten – ein paar schrieb ich sogar selbst, aber hauptsächlich ging es um Koordination, Organisation, Aufnahme und Schnitt, und viel Zeit zum Schreiben blieb mir nicht – vor allem aber blieb mir keine Kraft.

Das Jahr neigte sich dem Ende zu, und mein zentraler guter Vorsatz war meilenweit von seiner Umsetzung entfernt: Mein Roman. Ich brauchte ein Wunder und einen Tritt in den Allerwertesten. Ich bekam beides: Im November. Aber davon erzähle ich euch das nächste Mal.