» … es war, als habe sie jetzt einen Weg gefunden, der sie durch den Dschungel aus feinen Tintenlinien führte, als blicke sie jetzt in einem anderen Winkel auf die Worte – oder als seien die Worte nun damit einverstanden, gelesen zu werden.«
(Kondorkinder – Der Fluch des Spiegelbuches)

Dass ich mich letztendlich traute, wieder auf die neblige Andenstraße zurückzukehren, verdankte ich verschiedenen Faktoren. Und einer der wichtigsten war ganz ohne Zweifel, dass ich Gesellschaft fand.

Der Tintenzirkel: Schreiben in Gemeinschaft

Ich hatte das Internet schon vorher als Ort entdeckt, an dem ich mich mit anderen über das Schreiben austauschen konnte. Viele meiner Kurzgeschichten veröffentlichte ich auf kurzgeschichten.de – einem Forum, in dem man andere Geschichten kritisieren und selbst auf konstruktives Feedback hoffen konnte. (Im Mai 2008 hatte ich dort eine Geschichte veröffentlicht, die, man glaubt es kaum, den Titel »Kondorkinder« trug).

Die Aktivität auf kurzgeschichten.de hat mich nicht nur handwerklich unglaublich geprägt und vorangebracht, ich habe dort auch einige schöne Freundschaften geknüpft, die auch bestehen blieben, als ich im Forum kaum noch aktiv war. Zum Beispiel eine ganz großartige Autorenkollegin. Sie schwärmte mir von einem anderen Forum vor, in dem sie mittlerweile aktiv war, und ermutigte mich, mich doch dort zu bewerben: Der Tintenzirkel.

Im Sommer 2010 wagte ich den Schritt. Nicht ganz uneigennützig, denn ich hoffte, dass es in der Gemeinschaft leichter für mich sein würde, doch wieder zum Schreiben zurückzufinden. Mein unfertiger Roman lag mir wie Blei auf der Seele. Und der Tintenzirkel war mir sympathisch, weil man eben nicht seine Anmeldung in ein paar anonyme Felder hämmerte, sondern sich wirklich um Aufnahme bewarb und dabei preisgab, wer man war, was man erwartete und was man zu geben hatte.

Plotten, Plotten, Plotten: Ein Roman nimmt Gestalt an

Während ich nägelkauend auf Rückmeldung wartete, meldete sich auch der Roman zaghaft wieder zu Wort. Mir wurde klar, dass es vielleicht kein Fehler war, einen Fahrplan aufzustellen, wie es weitergehen sollte. Mit anderen Worten: Plotten. Genaugenommen hatte ich das ja schon 2008 in meinem Notizbuch getan, aber diese Ideen hatten mit dem jetzigen Roman gar nichts mehr zu tun.

Über die Sommermonate 2010 wuchs und wuchs das Projekt. Ich begriff, dass es noch eine zweite Geschichte gab, die ich erzählen musste: die von Yawar und Isabel. Die beiden werden 2009 bereits erwähnt – quasi als Geschichte in der Geschichte. Aber ich verstand auf einmal, dass ich es nicht bei einem Kurzabriss belassen konnte. Ich brauchte einen eigenen Handlungsstrang. Auch der musste geplottet werden, und Recherche war nötig, schließlich sollte es ein historischer Erzählstrang werden. Nach einigem Überlegen entschied ich mich, ihn im 18. Jahrhundert anzusiedeln.

Austausch und Motivation

Ich wurde im Tintenzirkel aufgenommen und fand eine unglaubliche Gemeinschaft. Anders als bei kurzgeschichten.de ging (und geht) es hier nicht primär um Textkritik, sondern um handwerkliche und inhaltliche Diskussionen im Allgemeinen, um Plothilfe und Austausch über alle möglichen Schreibthemen. Das Wunder geschah: Ich fand dank Tintenzirkel die Disziplin zum regelmäßigen Schreiben wieder. Die Foren-Nicknames bekamen sehr schnell Gesichter, aus Internetbekanntschaften wurden Freundschaften auch jenseits des Bildschirms. Im Nachhinein hat die Aufnahme in das Forum für mich etwas Wesentliches bewirkt: Ich habe dem Schreiben endlich den Platz in meinem Leben eingeräumt, den es schon lange haben wollte. Und ich ging offener damit um als jemals zuvor. (In diesem Sinne: Danke, Ronja, dass du mich in den Tintenzirkel geschleift hast. Ich kann das nicht oft genug sagen!)

Dass ich 2010 wieder am NaNoWriMo teilnehmen würde, war für mich selbstverständlich. Diesmal aber würde ich die 50.000 Wörter nicht alleine bewältigen, sondern im Team Tintenzirkel, und auch sonst machte ich kein Geheimnis aus meinem verrückten Vorhaben. Mein Kapitelplan stand. Ich hatte es schon einmal geschafft und wusste, dass ich es wieder schaffen konnte.

Gleichzeitig war ich weitaus aufgeregter als 2009. Nicht nur, weil ich diesmal im Falle eines Scheiterns verdammt viele Zeugen gehabt hätte, sondern auch, weil ich das Gefühl hatte, meinen Roman einfach zuendeschreiben zu müssen. Es war, als würde ich niemals wieder eine Geschichte beenden, wenn es mir nicht mit diesem Roman gelang. Auf dem Spiel stand also einiges.