»Eine Weile lag sie reglos und mit geöffneten Augen da und überlegte, wonach diese Unruhe sich anfühlte. Dann wurde es ihr klar: Es war (…) das Bedürfnis, schreiben zu wollen.«
(Kondorkinder – Der Fluch des Spiegelbuches)

Vom NaNoWriMo wusste ich schon lange.
Zumindest bin ich vor einiger Zeit zu diesem Schluss gekommen, als ich mein Postfach aufräumte. Schon 2005 hatte ich mich auf der Website registriert und bekam seitdem regelmäßig im November Newsletter, die ich mit Interesse las. Aber selbst teilzunehmen, das war mir lange nicht in den Sinn gekommen. Vielleicht, weil ich mich damals noch nicht an Romane herantraute. Ich schrieb Kurzgeschichten, fertig.

Auch 2009, als ich ja ganz klar irgendwo in mir die Idee für einen Roman in mir herumtrug, kam ich nicht auf die Idee, dass der NaNoWriMo etwas für mich sein könnte: 50.000 Wörter in einem Monat zu schreiben.
Zumindest nicht vor Ende Oktober.

Die Teilnahme am Schreibmarathon im November war eine Spontanentscheidung. Ein Jetzt-oder-nie-Gefühl. Ich hatte zwar irgendwo noch das Notizbuch mit meiner Kapitelliste, aber unterm Strich eigentlich keinen Plan. Als ich in den letzten Oktobertagen beschloss, dass ich im November meinen Roman schreiben würde, hatte ich im Hinterkopf nur ein paar grobe Ideen, worum es gehen sollte – und ich wusste, dass der Roman »Kondorkinder« heißen würde.

Dass mir meine Notizen aus Peru nur unwesentlich weiterhelfen konnten, wusste ich spätestens, als mit Matteo meine zweite Hauptfigur auftauchte. Er spukte schon länger durch meine Gedanken, und ich hatte nie eine Ahnung gehabt, was ich mit ihm anfangen sollte. Am 1. November 2009 hatte er die große Ehre, den Roman mit seinen Worten einzuleiten:

»Nicht erschrecken«, sagte eine Stimme aus der Dunkelheit.

Später sind diese ersten Worte dem unerbittlichen Rotstift der Überarbeitung zum Opfer gefallen, weil Matteo in dieser ersten Szene zwar das Wort, aber nicht die Perspektive hatte, und das erwies sich für den Einstieg als absolut unglücklich. Doch der Reihe nach.

»No plot, no problem«, so lautet das zentrale Motto im NaNoWriMo. Ich nutzte das in jenem November voll aus. Meine Hauptfiguren sollten nach Peru und dort einem großen Rätsel nachjagen. Worin dieses Rätsel bestehen sollte, war mir selbst nicht ganz klar, und entsprechend viel Geschwafel und nebulöse Andeutungen finden sich in der Urfassung der »Kondorkinder«. Zwar taucht bereits der Fluch auf, der auch den endgültigen Roman bestimmen sollte, und die Suche nach Malinkas verlorener Gabe ist ebenfalls wichtig. Aber was hinter den Rätseln steckt, denen Malinka und Matteo nachgehen, davon hatte ich selbst nur eine äußerst blasse Ahnung.

Doch das spielte damals kaum eine Rolle. Wichtig war, dass ich schrieb – und das tat ich. Ich studierte, ich engagierte mich noch immer für das Webradio, und ich arbeitete 16 Stunden pro Woche im Callcenter. Ich hatte überhaupt keine Zeit für einen Roman. Und gerade darum schrieb ich ihn. Noch dazu im stillen Kämmerlein, denn ich hatte niemandem verraten, was ich vorhatte. Es war mein allererster NaNoWriMo, und ich bestritt ihn komplett allein, ohne Verbündete und ohne Plan.

Seltsamerweise funktionierte es. Endlich schrieb ich wieder regelmäßig, sogar auf der Arbeit: Während meiner Schichten im Callcenter hatte ich immer ein Dokument geöffnet, und zwischen zwei Anrufen hämmerte ich in die Tasten, was das Zeug hielt. Manchmal nur ein oder zwei Sätze, bis mich das nächste Klingeln wieder unterbrach. Manchmal schaffte ich eine halbe Seite. Das Ergebnis schickte ich mir per Mail und kopierte es zuhause in mein Romandokument.

Nach zwanzig Tagen war es vollbracht: Ich hatte die magischen 50.000 Wörter erreicht. Ein unbeschreibliches Triumphgefühl. Matteo und Malinka standen gerade auf einer nebligen Straße in den Hochanden …

… und dort blieben sie auch. Vorerst. Denn als meine Freude über den Erfolg der 50.000 Wörter sich legte, wurde mir bewusst, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was mit ihnen weiter passieren sollte. Meine Hoffnung, es würde sich schon alles irgendwie auflösen und regeln, hatte sich dummerweise nicht bestätigt; die Knoten machten keinerlei Anstalten, sich von selbst zu entwirren.

Also tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment einfiel: Ich schloss mein Dokument, grübelte noch eine Weile und war ab Dezember wieder das Mädchen, das nicht schrieb. Es sollte Monate dauern, bis eine Lösung in Sicht kam. Viele Monate. Malinka und Matteo warteten indessen weiter im kalten Nebel. Ich fürchte, sie haben mir bis heute nicht verziehen.