Verräterin, Opfer, Mutterfigur – in der Geschichtsschreibung finden wir mehrere Darstellungsmuster für die indigenen Frauen im kolonialen Peru.

In der mexikanischen Geschichte hat die indigene Frau ein Gesicht, besser gesagt, einen Namen: Malinche, die Übersetzerin des spanischen Eroberers Hernán Cortés, wurde zum Sinnbild für die Verräterin an ihrem Volk, aber auch für das Opfer der spanisch-virilen Brutalität und zur Mutter des modernen Mexikos. Im Fall von Peru gibt es keine Malinche, keine Galeonsgestalt, die die indigene Frau schlechthin repräsentiert. Doch es gibt ganz bestimmte Darstellungsformen für indigene Frauen, die sich im Laufe der Zeit geändert haben.

Indigene Frauen Perus – kaum direkte Zeugnisse

Die Quellen, auf die Historiker zurückgreifen können, beziehen sich dabei meist auf die Frauen und sind in den seltensten Fällen von ihnen selbst verfasst worden. So speist sich das heutige Wissen aus drei Arten von Quellen: Erstens aus offiziellen Dokumenten wie Heiratsurkunden oder Testamente, in denen indigene Frauen erwähnt werden. Zweitens aus einer Analyse von Tributlisten, die vor allem im ländlichen Bereich Perus aufschlussreich sind. Drittens aus den Werken historischer Chronisten – seien es nun gebürtige Spanier (wie Pedro Cieza de León), Kinder aus indigen-spanischen Mischehen (wie Garcilaso Inca de la Vega) oder in Ausnahmefällen sogar indigene Chronisten (Guaman Poma de Ayala).

Die indigene Frau als Opfer

Gerade in der frühen Kolonialzeit wurde die indigene Frau gern als passives Opfer der spanischen Eroberer gesehen. Die Eroberung war somit nicht nur eine politische, sie war auch eine sexuelle. Die indigene Frau als Opfer wurde als Gegenpol zum zügellosen und unmoralischen Handeln der (männlichen) Eroberer konstruiert. Zudem ist sie der Gegenentwurf zum Bild der indigenen Frau als Hure und Verräterin – dennoch aber eine auch problematische Sichtweise: In der modernen Forschung wird dieses Bild kritisiert, denn es verhindert eine Wahrnehmung der indigenen Frau als aktiv Handelnde. Sie ist bloßes Objekt unter dem Einfluss der zum Handeln befähigten spanischen Männer.

Die indigene Frau als Verräterin und Hure

Später in der Kolonialzeit ändert sich aber dieses Bild, und die indigene Frau wird zur lasziven Verführerin der Spanier, die im Gegenzug von ihrer Verantwortung beinahe freigesprochen werden. Der Chronist Guaman Poma beschimpft die indigenen Frauen als „große Huren“. Interessanterweise fehlt in diesem Diskurs aber noch der Vorwurf des Verrats am eigenen Volk. Wie im Falle der Malinche in Mexiko scheint dieses Bild erst wesentlich später entstanden zu sein. Zudem haben wir es keineswegs mit einheitlichen Verhaltensweisen der indigenen Frauen zu tun. Die Inkaprinzessin Contarhuacho beispielsweise war mit einem Spanier verheiratet, dem sie sogar militärische Hilfe gegen indigene Aufständische gewährte – also gegen Angehörige ihrer eigenen Kultur. Cori Ocllo, die Geliebte des aufständischen Inkaprinzen Manco Inca, ließ sich hingegen eher zu Tode foltern, als den Spaniern den Aufenthaltsort Mancos zu verraten. Ihr Handeln wird in der späteren Rezeption zum Märtyrertum stilisiert – im 20. Jahrhundert erfährt es aber auch eine Umdeutung: Cori Ocllo wird abgewertet, weil sie sich der Mütterlichkeit verweigert hat.

Die indigene Frau als Mutterfigur

Diese Mütterlichkeit ist ein weiteres Muster, das in der Darstellung der indigenen Frauen zum Tragen kommt: Indem sie sich mit spanischen Konquistadoren verbinden, werden sie Mütter von Mestizen und damit im Prinzip Mütter des modernen Perus. Dieser Diskurs funktioniert fast analog zum Diskurs um Malinche in Mexiko.

In Peru ist das Bild der indianischen Mutter interessanterweise von den mestizischen Anwärtern auf das Priesteramt geprägt wurden: Den jungen Männern wurde im 16. Jahrhundert der Zugang zu selbigem verwehrt, aufgrund ihrer Herkunft. Statt diese zu verleugnen, beriefen sie sich jedoch aktiv auf ihre indigenen Mütter: Da sie dadurch indigene Sprachen und Kultur quasi mit der Muttermilch aufgenommen hatten, waren sie prädestiniert für die Missionstätigkeit in Peru.

Garcilaso de la Vega und seine indigene Mutter

Ein populäres Beispiel ist Isabel Chimpu Ocllo. Auch sie war eine Adelige des Inkahofs und hatte einen Sohn mit Sebastián Garcilaso, einem ranghohen Angehörigen des spanischen Militärs. Der gemeinsame Sohn Garcilaso de la Vega gehört zu Perus berühmtesten Chronisten und Poeten der Kolonialzeit. Obwohl er sein Heimatland jung verließ, blieb er dem indigenen Erbe doch zeitlebens verbunden – und nicht zuletzt durch ihn wurde Isabel Chimpu Ocllo zum Sinnbild der indianischen Mutter. Die indigenistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts erhoben sie zum Gegenpol von Cori Ocllo – der unfruchtbaren Anti-Mutter.

Indigene Frauen und Spanier

Es sind uns wesentlich mehr Heiraten indigener Frauen mit spanischen Männern überliefert als umgekehrt. Der Grund: Für spanische Soldaten war es häufig auch wirtschaftlich interessant, eine angehörige des inkaischen Adels zu heiraten, zudem an spanischen Frauen im Kolonialreich zunächst Knappheit herrschte. Wer wollte schon freiwillig die strapaziöse Reise nach Peru auf sich nehmen? Spanierinnen in Peru waren daher meist Frauen von hohen sozialem Status, denen eine Heirat auch mit adeligen Indigenen nicht zukam.
Klischee und Repräsentation

Fazit

Es gibt zwar keine peruanische Malinche, aber sehr wohl repräsentative historische Frauengestalten, die im Lauf der Jahrhunderte von verschiedenen Bewegungen instrumentalisiert und je nach Bedarf gedeutet wurden. Das Bild der indigenen Frau in der Kolonialzeit Perus ist an erwähnte drei Muster geknüpft – die Hure, die Mutter und das Opfer. Doch alle drei Rollen sind weitaus komplexer und dynamischer, als es zunächst den Anschein hat.

 

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