Unser riesiger Luxusliner Erschreckend, aber wahr: Es ist zwei Jahre her, seit ich zuletzt im Colca-Tal war!
Deswegen war eigentlich auch absolut klar, dass ich Si-yü und Andrea zum Wandern begleiten würde. Wir buchten eine Dreitagestour, ich kaufte mir Wanderschuhe und lief sie sogar an meinem Geburtstag brav ein, und am Samstag in aller Herrgottsfrühe ging es dann los.
Zuerst fand der kleine Touri-Bus, der uns um drei Uhr früh abholte, meine Adresse nicht. Ist ja auch schwer, ein Haus zu lokalisieren, das samt Hausnummer direkt an einer Hauptstraße liegt. Irgendwann wurde ich aber doch aufgesammelt und es ging los.

Der erste touristische Stop war – natürlich – der Aussichtspunkt Cruz del Cóndor, wo ich zuletzt vor fünf (Fünf! Ich fühle mich alt) Jahren schöne Kondorfotos gemacht hatte. Diesmal hatten wir auch richtig Glück. Fast ein halbes Dutzend Kondore segelte über uns und mehrere hundert Touristen knipsten beseligt im Akkord. Zitat des Tages (in quengelndem Tonfall zu lesen): »You have already so many photos! It‘s a bird!«

Dann wurden wir tiefer in den Canyon hinein gefahren und in der Nähe von Cabanaconde ausgesetzt. Alle um uns herum bekamen nette, gutaussehende und motivierte Guides. Wir bekamen Miriam.

Der Weg beginnt Miriam saß schon seit Arequipa bei uns im Bus und war so gelangweilt, dass wir sehnlichst hofften, sie möge nur zur Fahrbegleitung abkommandiert sein. Außerdem sahen ihre Puma-Turnschuhe nicht nach geeignetem Wanderschuhwerk aus. Aber trotzdem war sie unser Guide. Außer uns waren in der Gruppe noch ein peruanisches Pärchen im Folgenden »Turteltäubchen« genannt, und Paula, eine sehr nette Argentinierin in unserem Alter, mit der wir uns spontan zu einer Vierergruppe zusammenschlossen.

Sangalle - da wollen wir runter.Der erste Tag beinhaltete ein entspanntes Programm, nämlich lediglich den Abstieg in den Canyon, süße tausend Höhenmeter. Wir (exklusive Pärchen) schafften das in zwei Stunden, aus dem einfachen Grund, dass wir furchtbaren Hunger hatten und wussten, jeder Höhenmeter brachte uns dem Mittagessen näher. Gemeinsam mit Horden von anderen Wanderern fielen wir in dem beschaulichen San Juan de Chuccho ein.

San Juan de Chuccho Wir kamen sogar irgendwann zu unserem Essen und durften dann einen entspannten Nachmittag verbringen. Ohne Ironie, es war wirklich sehr schön dort unten. Das weibliche Turteltäubchen hatte Höhenkrankheit. Miriam lud uns auf ein Bier ein, was sie zwar zu einem sympathischen Menschen, aber noch lange nicht zu einem guten Guide machte.

Am nächsten Morgen sollte es um sieben weitergehen. Gut, wir haben verschlafen und standen erst um halb sieben auf, aber um acht waren wir abmarschbereit. Miriam und die Turteltäubchen hockten noch gemütlich am Frühstückstisch. Also machten wir einen auf Revolte.
»Miriam, wir gehen schon mal los. Wir treffen uns dann in Tapay.«
»Ach? Wo wollt ihr denn langgehen?«
»Na, das sagst du uns jetzt, dann können wir uns gar nicht verlaufen.«

Glockenturm in Tapay Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht so einfach sein dürfte, einen Guide zu überzeugen, dass er seine Schäfchen alleine laufen lässt. War es aber. Zu viert machten wir uns an den Aufstieg nach Tapay, das uns mit dem Charme eines verlassenen Westernstädtchens empfing. Wir kletterten in den Glockenturm der Kirche und spähten nach Miriam und Turteltäubchen.

Von Tapay aus ging es wieder bergab an jenen mythischen Ort, der im Volksmund nur »die Oase« genannt wird, eigentlich aber »Sangalle« heißt. Dort gibt es eine Handvoll gemütlicher Lodges mit Swimmingpools und Mücken. Vor vier Jahren war ich mit Natalia dorthin abgestiegen, allerdings direkt aus Cabanaconde.

Welcome to Paradise Wir hängten die anderen wieder ab, wurden aber kurz vor Sangalle von Miriam eingeholt. Das weibliche Turteltäubchen war an einem der abenteuerlichen Teile der Wegstrecke gestürzt und hatte sich die Hand verstaucht. Stunden später, als sie mit ihrem Galan im Paradies ankam, sahen wir eine Kostprobe des großartig ausgestatteten (sprich: nicht vorhandenen) Erste-Hilfe-Koffers in Miriams Besitz. Das Turteltäubchen hatte sich selbst einen Verband improvisieren müssen, indem sie die Hand mit einem Paar Flipflops stabilisiert und ein T-Shirt darum gewickelt hatte. Als Schlinge zum Stützen diente der Riemen der Kamera um ihren Hals.

Basalt Wir erholten uns bei Bier und Pool von Staub und Sonne und bereiteten uns seelisch-moralisch auf den letzten Tag vor. Denn der würde mit dem Aufstieg aus Sangalle beginnen. Etwas über tausend Höhenmeter. Und ich kannte den Weg ja schon. Yay.

Damit man auf dem Aufstieg nicht komplett von der Andensonne geröstet wird, beginnt man sehr früh. Punkt fünf Uhr ist Abmarsch.

Nun, wer um fünf Uhr frierend, müde und abmarschbereit am Ausgang von Sangalle stand, das könnt ihr euch ja denken. Und wer fehlte? Richtig. Ist schon ein bisschen blöd, wenn man auch nicht weiß, wo der eigene Guide eigentlich untergebracht ist.
Die halbe Stunde Verspätung, mit der wir dann losgingen, war in Miriams Augen (ja, sie tauchte tatsächlich auf, und die Täubchen auch) nicht der Rede wert. Zur Strafe hängten wir sie wieder gnadenlos ab.

Río Colca
Si-yü und Andrea hatten erfreulicherweise genau den Rhythmus, den ich brauchte, um mitgezogen zu werden, ohne ganz den Anschluss zu verlieren. Nach zweieinhalb Stunden Quälerei auf stufenartigen Felsen (= Frühstückshunger) hatten wir es geschafft und plünderten den Stand der strategisch am oberen Canyonrand positionierten Keksverkäuferin. (Vor vier Jahren, als ich mit Natalia hochstieg, fantasierten wir von eiskalter Inca-Kola. Diesmal waren es Oreo-Kekse und Coca-Cola.)

Paula schaffte den Aufstieg in drei Stunden. Miriam in dreieinhalb – wie sie uns verriet, hatte sie seit dem Vorabend Knieprobleme. Die beiden Turteltäubchen warden nie mehr gesehen. Als wir um zehn Uhr nach einem Frühstück in Cabanaconde wieder in einen kleinen Touri-Bus stiegen, quälten sie sich noch immer unter jetzt unbarmherziger Sonne nach oben.

Landschaft auf der Rückfahrt durch den Canyon Unsere Erleichterung, die beiden los zu sein, wurde sofort mit einer Horde deutscher Quengeltouristinnen bestraft (»Es ist so heiß. Die Straße ist nicht asphaltiert. Es ist so kalt!«), die wir auf allen weiteren Zwischenstopps (Lamas fotografieren in Maca, Baden in den Thermalquellen von La Calera und Mittagessen in Chivay) und bis nach Arequipa ertragen mussten.

El Cóndor Pasa
Alles in allem war es eine superschöne Tour durch traumhafte Landschaft und selbst für eine Konditionsnull für mich schaffbar. Heute werden wir aber wohl mal das Reklamationsbuch des Reiseveranstalters einfordern und vollpinseln. Miriam war supernett, aber ehrlich gesagt hätten wir die Tour auch gut ohne sie machen können. Den informativen Mehrwert, den ein Guide bringen sollte, hatten wir mit ihr leider nicht. Aber dafür haben wir ja Paula kennengelernt und sind zu kulinarischen Ferien nach Argentinien eingeladen.

Oh, und ob die beiden Turteltäubchen mittlerweile den oberen Canyonrand erreicht haben, weil sie sich an einen mitleidigen Kondor gehängt haben, weiß ich auch nicht so genau.