Ich bin momentan auf Exkursion in Lima. Die nächsten Blogeinträge werden sich um unsere Erfahrungen und Aktivitäten während dieser Exkursion drehen. Unser großes Oberthema ist Interkulturalität – und alles, was sich damit an Politik, Forschung und Bildung verbindet. Eine unserer ersten Etappen ist am 6. September 2011 keine geringere Adresse als der Kongress von Perú – eine öffentliche Sitzung zum Thema der Indigenen.

Zunächst der Schock: Wir stehen nicht auf der Liste, obwohl Teresa der Termin bestätigt wurde. Das wird dann allerdings sehr peruanisch gelöst (»Ich schreib euch jetzt auf die Liste«). Als wir uns durch die Pforte drängen, müssen wir uns Anfeindungen aus der Schlange gefallen lassen: »Wie kann das sein, dass die Ausländer zuerst reindürfen? Wir sind hier in Perú!«

Der Andrang im Sitzungssaal ist recht groß. Später werden wir hören, dass das bei einem Thema wie diesem recht ungewöhnlich ist. Immer wieder hört man das Klappern von langen Muschelketten, wenn eine Frau aus dem Amazonasgebiet vorbeigeht.
Die Sitzung dreht sich um das Tema Indígena und genauer gesagt um die Forderungen von Indigenen aus dem Amazonasgebiet – insbesondere Frauen. In der ersten Reihe vor der Mesa de Honor sitzen verschiedene Vertreter und Vertreterinnen amazonischer Ethnien – Männer wie Frauen.

Zunächst sprechen verschiedene Abgeordnete. Ihre Worte sind positiv gegenüber den Indigenen und machen durchaus Mut, auch wenn man sich ins Gedächtnis rufen muss, dass es zunächst nur Worte sind.
Der Kongressist Hugo Carrillo beginnt seine Rede auf Quechua und erwähnt, dass es mittlerweile ein grupo indígena im Kongress gibt und immerhin vierzig Abgeordnete öffentlich anerkennen, dass sie indigen oder indigener Abkunft sind. Interkulturalität, sagt er, ist mehr als das Übersetzen von Texten. Und Sprache ist mehr als Sprechen: »Wir sind Millionen von Aymaradenkenden, von Quechuadenkenden, Asháninkadenkenden.«

Anschließend treten die Gesandten aus dem Amazonasgebiet vor. Sie kommen von den Aguaruna (Awajún), Asháninka, Shipibo und anderen Gruppen. Die erste junge Frau stellt sich mit ernster Stimme vor und nennt ihre Funktion innerhalb der Vereinigung, die sie repräsentiert. Dann versagt ihr die Stimme. Sekundenlang steht sie schweigend da und atmet schwer ins Mikrofon. »Gracias, esto es todo«, bringt sie schließlich hervor und geht zurück an ihren Platz.

Ihre Nachfolgerin spricht dafür umso lauter und leidenschaftlicher. Es geht nicht nur um Frauenrechte, die von den Indigenen hier eingefordert werden, auch wenn Gewalt gegen die Frau eine Rolle spielt. Vielmehr wird hier ein Bündel von Vorschlägen eingebracht, das die Gruppierungen untereinander erarbeitet haben. Hier artikulieren sich jene, die sonst nur Objekt im Diskurs sind. Die Indigenen fordern Teilhabe am Staat. Sie fordern Interkulturalität im Gesundheitssystem – sie wollen ihre traditionellen Kräuter behalten und auch die Rechte daran. Sie fordern interkulturelle und zweisprachige Erziehung. Sie fordern aber auch die Möglichkeit einer fairen Teilnahme an der nationalen Ökonomie, faire Preise für ihre Produkte und eine angemessene Infrastruktur. Es gebe keine festen Preise für ihre Produkte – yuca, Bananen, Kakao und Kaffee. Das Kilo Kaffee verkaufen sie für zwei Soles an Zwischenhändler. Das sind etwa fünfzig Cent – dass dasselbe Kilo Kaffee in Lima für ein Vielfaches des Preises weiterverkauft wird, dürfte keine Überraschung sein.

Jede der Frauen bekommt Applaus nicht nur vom Kongress, sondern auch vom anwesenden Publikum. Einige Kongressistinnen nehmen auch den Kampfruf auf: »¡Mujeres – unidas – jamás serán vencidas!«
Aber es treten auch Männer vor, die wie die Frauen in der Kleidung ihrer jeweiligen
Ethnie gekommen sind. Auch sie beklagen die Abwesenheit des Staates, das Fehlen von Erziehung und Infrastruktur, aber auch Justizwillkür, wobei sie eine Erweiterung des Justizsystems einfordern (pluralidad jurídica heißt das und bedeutet im Prinzip, dass indigene Gemeinden in bestimmten Fällen nach ihrem traditionellen Recht sanktionieren können – wenn ich es richtig verstanden habe).

Die Abschlussrede hält die Abgeordnete Rosa Mávila, die diese Sitzung auch organisiert hat. Sie ist von Haus aus Rechtsanwältin und versteht es, lebhaft und mitreißend zu sprechen – voller Sympathie für die Indigenen, denen sie Unterstützung verspricht. Es muss viel getan werden, sagt sie, »para que el Perú sea más que una bandera«, damit Perú mehr als nur eine Flagge ist.

Später erfahren wir, dass dieser Tag – der 6. September – auch der Tag der indigenen Frau ist. Vor diesem Hintergrund erhält die Sitzung natürlich einen gewissen Symbolgehalt. Aber da ist noch mehr. Es ist auch der Tag, an dem Ollanta Humala, Perús Präsident, die Ley de Consulta Previa (das Indigenen-Konsultationsgesetz) verabschiedet hat – das Gesetz, das besagt, dass die Regierung die indigenen Gemeinden befragen muss, ehe sie Entscheidungen trifft, die jene in ihren Rechten beeinträchtigen können. Gerade in der Konzessionsvergabe an transnationale Konzerne im Amazonasgebiet ist das von entscheidender Bedeutung.

In Perú hat man sehr lange auf dieses Gesetz gewartet. Und Humala hat es nicht irgendwo unterzeichnet, sondern in Imazita – und dieser Ort ist ganz dicht bei Bagua, wo vor zwei Jahren jenes Massaker stattfand, das als »Baguazo« in die jüngere Geschichte Perús eingegangen ist. Vielleicht wäre es nicht zu den blutigen Zusammenstößen zwischen Polizei und protestierenden Indigenen gekommen, wenn es das Gesetz damals schon gegeben hätte. Auf alle Fälle ist Humalas Geste ein starker Kontrast zu seinem Vorgänger Alan García (»Diese Personen sind keine Bürger erster Klasse«).

Natürlich sind das alles bislang Worte und Gesten. Auch die Sitzung im Kongress ist nicht ganz unkritisch zu sehen. Die Indigenen haben Spanisch gesprochen – nicht in ihrer Sprache, es gab keinen Dolmetscher, obwohl sie das Recht darauf gehabt hätten. Angesichts der Abgeordneten, die in blumigen Worten ihre Sympathie für die Angelegenheit der Indigenen verkündet haben, ist das ein wenig paradox.

Koloniale Machtstrukturen sind trotz allem noch immer spürbar – sowohl in den wohlmeinenden Worten der Abgeordneten als auch teilweise in dem, was die Frauen und Männer aus dem Amazonasgebiet sagen und wie sie sich präsentieren. Da ist noch viel Unterwürfigkeit und verlorenes Selbstvertrauen auf der einen Seite, und auf der anderen noch immer ein gewisses Missionierungsbewusstsein und vielleicht der Hang zum Exotisieren und Idealisieren der edlen Wilden. Aber das ist nur eine Tendenz.

Insgesamt ist diese Sitzung eine sehr positive Erfahrung. Es sind Worte und Gesten, ja, aber immerhin. Das ist mehr, als diese Leute von Alan García und seiner Regierung jemals bekommen haben, und es macht durchaus Hoffnung.

 

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