farohumor Eigentlich wollte ich das Jahr 2015 auf meinem Blog mit einem Rückblick auf 2014 eröffnen, und mit einem Ausblick auf dieses Jahr.

Nach dem, was gestern in Paris geschehen ist, fühlt sich das banal und falsch an. Deswegen gilt der erste Eintrag 2015 nun stattdessen »Charlie Hebdo«, auch wenn ich sicher bin, dass rund um die Welt und im gesamten Netz sicher schon weitaus wichtigere, intelligentere Dinge zu diesem Vorfall geäußert worden sind und mir vielleicht nur das Banale bleibt.

Banal klingt sicher auch die Äußerung, zutiefst erschüttert zu sein. Damit stehe ich nicht allein. Geht es überhaupt anders angesichts einer solchen Meldung? Wenn ich es trotzdem sagen möchte, dann deshalb: Es fühlt sich – für mich – anders erschütternd an als zahlreiche Ereignisse des gegenwärtigen Weltgeschehens. Auf eine erschreckende Art persönlicher.

Vor dem gestrigen Tag war mir »Charlie Hebdo« als Satirezeitschrift kein Begriff. Gestern habe ich viel Zeit damit verbracht, das Netz nach Cartoons und Karikaturen dieser Zeitschrift zu durchforsten, hauptsächlich Titelbilder, nicht nur jene, die islamkritisch sind, sondern auch andere. Es ist der Redaktion ja nie einzig und allein um Islam-Bashing gegangen, sondern um eine grundsätzliche Kritik an religiösen Strukturen und allem, was durch religiösen Extremismus – gleich welcher Couleur! – gerechtfertigt wird. Ebenso, wie es auch immer um politische Kritik ging.

a tomar las armas Ob es immer meine Art der Satire ist, meine Art satirischen Humors, was ich da gefunden habe: Ich weiß es nicht. Ich habe einiges gesehen, das mir persönlich zu derb erscheint, aber auch anderes, das einfach nur bitterböse und treffend ist.
Und auf meinen persönlichen Gusto kommt es schließlich nicht an. Satire hat noch nie die Aufgabe gehabt, handzahm zu sein (oder elegant, oder subtil, auch wenn sie das sein darf). Unbequem, unverblümt, darum geht es. Die Bremse, die das träge Pferd aufscheucht, um es mit einem Bild Sokrates‘ zu sagen – auch wenn er (bzw. Platon) dabei an die Aufgabe der Philosophen dachten. Fakt ist, Satire muss nicht gefallen, sie darf wehtun. Dass sie auf dieser Grundlage polarisiert und zu Diskussionen führt, ist kein unliebsamer Nebeneffekt, sondern im Prinzip genau ihr Daseinszweck.

Ich bin keine Satirikerin und keine Zeichnerin. An meiner Arbeit ist nichts Brisantes. Aber ich bin Schriftstellerin, Kreativschaffende, und ich glaube, dass mich das Attentat auf Charlie Hebdo deshalb so trifft: Auch das waren Kreativschaffende. Das waren Menschen, die etwas zu sagen hatten. In welchen Bildern, mit welchem Timing und auf welche Weise sie es getan haben, spielt in diesem Augenblick keine Rolle. Aber sie hatten etwas zu sagen, und sie haben es unerschrocken bis zum Schluss getan. Trotz der Drohungen.

Und auch, wenn meine eigenen Geschichten so gar nichts zu tun haben mit kritischen satirischen Cartoons, wirft die Tragödie von Charlie Hebdo in mir als Autorin – und in mir als Mensch – doch eine Frage auf: Hätte ich den Mut? Könnte ich meine Überzeugungen, meine Werte, das, was sich in meiner Arbeit widerspiegelt, so kompromisslos und mutig verteidigen und vertreten? Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir diese Frage stelle. Aber sie ist mir selten zuvor so akut und wichtig erschienen. Vielleicht reicht es für den Moment, dass man überhaupt fragt. Dass man sich in Erinnerung ruft, welches Privileg es ist, die eigenen Geschichten ohne Angst erzählen zu dürfen. Dass man sich daran erinnert, wie schnell die selbstverständlichen Werte brisant, riskant, lebensgefährlich werden können. Überall. Jederzeit.

Was bleibt zu sagen – außer der Befürchtung, dass diese Tragödie sich zu einem Zeitpunkt ereignet hat, an dem die Fronten im öffentlichen Diskurs ohnehin verhärtet sind; dass sie Wasser auf den Mühlen all jener sein wird, die uns ohnehin einreden wollen, wir müssten Angst haben? Es ist makaber, dass die Geschehnisse um Charlie Hebdo Öl ins Feuer gießen werden. Makaber, weil es wie eine letzte große Satire anmutet. Und doch gilt es mehr denn je, den Schmerz des Bremsenstichs richtig zu deuten, Schock und Angst nicht in blinden Hass umschwingen zu lassen. Wir haben einmal mehr gelernt, dass Worte (und auch Bilder) die mächtigsten Waffen sind. Und wie alle Waffen führt man sie am besten mit Bedacht. Stammtischparolen sind keine Satire. Hassreden auch nicht. Daran hat die Welt auch keinen Bedarf. Bedarf hat sie an klugen, reflektierten Diskursen – und an ebensolchem Handeln.

Ich weiß zu wenig über die Toten von Charlie Hebdo, um ihr künstlerisches, zeichnerisches Schaffen zu bewerten oder sie als Menschen einschätzen zu können. Ich weiß nur von der Konsequenz, mit der sie ihre Überzeugungen und ihr Handeln in Einklang brachten. Ich weiß von dem Mut. Und beides bewundere ich. Beidem zolle ich meinen tiefsten Respekt.
Ça y est. Je m’incline devant vous, les gars.

be louder

Hinweis: Die Grafiken habe ich dem Blogeintrag „El Mundo es Charlie“ der peruanischen Seite utero.pe entnommen. Dort ist auch an allen Stellen zum Bildursprung – soweit nachvollziehbar – verlinkt.