Alle machen wie verrückt Jahresrückblicke, ich auch. Gestern habe ich mich durch die Lieder geklickt, die in diesem Jahr für mich besonders herausragend waren – im Sinne von: Dauerohrwürmer und heimliche Hymnen – und dachte mir, ich mach daraus mal eine Liste. Es ist keine Rangliste, sondern die Lieder sind grob chronologisch in der Reihenfolge ihres Auftretens sortiert, und auch wenn sie alle ziemlich neu sind, stammen auch nicht alle aus dem Jahr 2010. Ihr könnt ja mal raufschauen und reinhören.

12 – »Where Do You Go« von Lhasa de Sela

Das Jahr begann musikalisch gesehen mit einer traurigen Botschaft: in der Nacht zu Neujahr starb Lhasa de Sela, eine meiner absoluten Lieblingssängerinnen, und das hat mich doch ganz schön getroffen. Lhasas außergewöhnliche Stimme und ihr eigenwilliger Stil lassen sich in keine Schublade pressen. Was ich von ihrem letzten Album dann immer und immer wieder gehört habe, war das melancholische »Where Do You Go«, das für mich irgendwie nach altem Gold und Spätsommer klingt.

11 – »Mundo Babilón« von Sarazino

Die kunterbunt zusammengewürfelte Band Sarazino habe ich dank radio multicult entdeckt. Und »Mundo Babilón 2« war mein Endlosmotivationslied, als ich im Frühjahr mit den Bewerbungen für Jobs an der Uni begann, um das Callcenter verlassen zu können. Auch jenseits davon ein toller Ohrwurm, finde ich.

10 – »Tu Café« von N.O.H.A.

Es wird sommerlich. Das erste Mal habe ich »Tu Café« von N.O.H.A. gehört, da lag in Deutschland noch der letzte Schnee, aber in Perú konnte ich dazu in angemessen sonnigem Klima durch die Straßen springen. Ganz klar eines meiner Lieblingslieder in diesem Jahr.

9 – »No Hay Nadie Como Tú« von Calle 13 ft. Café Tacuba

Calle 13 aus Puerto Rico waren für mich immer eine Reggaetonformation – und nicht, dass ich Reggaetón nicht auch mögen würde, aber mehr hatten die Jungs in meiner Vorstellung nicht drauf. Bei meinem Frankreichbesuch im Juni begegnete ich dann dieser Gemeinschaftsproduktion von Calle 13 und Café Tacuba, »No Hay Nadie Como Tú«, wo sie beweisen, dass sie textlich und musikalisch doch einiges mehr können.

8 – »Ovo Je Balkan« von Milan Stanković

Im Mai war Grand Prix, und im Juni und Juli schloss sich die Fußball-WM daran an. Da ich am Ende für den tatsächlichen Weltmeister gejubelt habe, wäre vielleicht die Spanienhymne angebracht, aber eigentlich ist das angemessenere Lied »Ovo je Balkan« von Milan Stanković. Geschrieben von Balkan-Altmeister Goran Bregović hat es den Grand Prix alias Eurovision Song Contest zwar nicht gewonnen, bot aber einen dankbaren Ohrwurm und eine provokative Hymne für alle Serbienspiele, die ich dann auch wunderbar bei der Partie Deutschland (0) vs. Serbien (1) über meinen Hinterhof brüllen konnte.

7 – »Somma im Kiez« von Culcha Candela

Irgendwann zwischendurch war ja auch noch Sommer, und der Soundtrack für das Lebensgefühl der Hauptstadt in der Hitze lieferte für mich Culcha Candela mit »Somma im Kiez«. Das lief rauf und runter, das hatte ich im Kopf, wenn ich mit dem Fahrrad durch Berlins sonnige Straßen düste – und das wird auch 2011 wieder laufen.

6 – »El Tiempo es Hoy«

Von Sommerhitze zu globaler Erderwärmung – irgendwann in dieser Zeit stieß ich auf »El Tiempo es Hoy«, einem Lied, das im Rahmen einer Oxfam-Kampagne entstanden ist. Die englischsprachige Version »Beds are Burning« ist vielleicht bekannter, das hier ist der Beitrag der peruanischen Künstler, die hier für politisches Handeln gegen den Klimawandel singen. Eindringliche Ballade – mit einer Strophe auf Quechua.

5 – »Popcorn Andino« von Chicha Libre

Und wir kehren zurück in das unbeschwerte Sommergefühl, bleiben aber zumindest gedanklich in Perú. Das Wassermusikfestival im Haus der Kulturen der Welt war die Kulisse für eines der tollsten Konzerte, die ich in diesem Jahr erleben durfte (dank Nora und Nouri!). Die eigentlich US-amerikanisch-französische Band Chicha Libre spielt Chicha und Cumbia im Surfgewand – und serviert dazu »Popcorn Andino«.

4 – »Je Veux« von Zaz

Manchmal gibt es Lieder zum Mitgrölen, die man zu seinen persönlichen Hymnen erklären kann. Zaz und »Je Veux«, das irgendwann im Herbst 2010 auftauchte, gehört dazu. Eine junge sympathische Sängerin mit einer tollen Stimme und einem großartigen Text: »Je veux d‘l‘amour, d‘la joie, de la bonne humeur / Ce n‘est pas votre argent qui fera mon bonheur / Moi j‘veux crever la main sur le cœur!« (Ich will Liebe, Freude, Humor / Es ist nicht euer Geld, das mein Glück machen wird / Ich will mit der Hand auf meinem Herzen sterben!«

3 – »Ripu Ripusaqmi« von Magaly Solier

Im November entdeckte ich etwas, was ich eigentlich längst kannte. Magaly Solier, die Hauptdarstellerin von »La Teta Asustada«, hat eine CD namens »Warmi« herausgebracht, die ich hier im Blog nächstes Jahr auch detailliert vorstellen werde – für mich mein persönliches Lieblingsalbum 2010 (auch, wenn es gar nicht von 2010 ist). Magaly Solier erzählt eigenwillige Geschichten auf Quechua und mein persönlicher Favorit wegen des mitreißenden Tinkurhythmus war und ist »Ripu Ripusaqmi« (ich werde fortgehen), in dem kein geringeres Thema als häusliche Gewalt angerissen wird.

2 – »Amor con Amor« von Raúl Paz

Raúl Paz‘ Konzert Ende November war ein weiterer musikalischer Höhepunkt und ich habe dort vor allem ein sehr altes Lied von ihm für mich entdeckt, das auf seinem frühen Album »Mulata« enthalten ist: »Amor con Amor«. Ein bisschen Schmalz muss sein, nicht wahr? Und es ist so schön.

1 – »Latinoamérica« von Calle 13 ft. Totó La Momposina, Susana Baca & María Rita

Und zum Schluss eine weitere Hymne, nämlich eine atemberaubend tolle Liebeserklärung an Lateinamerika – auch, wenn die Band hier in der Liste bereits vertreten ist. Calle 13 haben sich mit Totó La Momposina (Argentinien), Susana Baca (Perú) und María Rita (Brasilien) zusammengetan und ein Lied produziert, das ich spontan in den Kreis meiner absoluten Allzeitfavoriten und Lieblingslieder geholt habe: »Latinoamérica«. Der Text enthält auf faszinierende Weise wirklich ganz Lateinamerika. Ein Lied, das ich immer und immer wieder hören kann. Nun, genau das tue ich auch.

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Bildnachweis: geralt/Pixabay