Manche Bücher bergen eine ganz simple Aussage und berühren dennoch. Mir geht es so mit Mario Vargas Llosas »El Paraíso en la otra Esquina«, zu deutsch: Das Paradies ist anderswo. Der Roman erzählt die Lebensgeschichten zweier Menschen, die auf der Suche nach ihrem Paradies sind: Der Maler Paul Gauguin vermutet es in der für ihn exotischen Inselwelt Tahitis, seine Großmutter Flora Tristán in einer neuen Gesellschaftsordnung mit Frauen- und Arbeiterrechten, für die sie unermüdlich kämpft. Und hinter allem steht die Erkenntnis: Das Paradies ist immer anderswo, nie dort, wo wir selbst sind. Das ist vielleicht auch gut, weil wir darum in Bewegung bleiben.

Der Gedanke an die Frauenrechtlerin Flora Tristán – die es ebenso wie Paul Gauguin natürlich wirklich gegeben hat – mag gut zum 8. März als Internationalem Frauentag passen. Nicht nur, weil wir das »Paradies«, für das Tristán sich einsetzte, noch immer nicht erreicht haben, sondern auch, weil sie Reisende zwischen Europa und Perú war und ich mir den heutigen Tag zum Anlass für ein paar Nachdenklichkeiten zwischen diesen Orten nehme.

Frauenrechte und Rollenbilder in Perú: Eine komplizierte Geschichte

Dass der 8. März Internationaler Frauentag ist, war mir eigentlich immer bewusst. Richtig berührt hat es mich das erste Mal in Perú, als ich im Jahr 2008 einen feierlichen Umzug miterlebte. Für seine Teilnehmerinnen war (und ist) der 8. März vor allem der »Día de la Mujer Campesina«, der Tag der Bäuerin, für die Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit zum Teil noch solche Utopien sind, wie sie es im 19. Jahrhundert für Flora Tristán waren. Aus dem Hochland zu stammen, vielleicht besser Quechua als Spanisch zu sprechen und dann noch Frau zu sein, das kann in Perú noch immer Benachteiligung in großem Maße bedeuten.

Als weiße, europäische Akademikerin mit Freiheiten und Privilegien, die teilweise weit über die eines durchschnittlichen Peruaners hinausgehen, habe ich mich peruanischen Geschlechterbildern – ja, der Begriff ist böse ungenau, ich weiß – so gut wie gar nicht unterordnen müssen. Aber ich bin ihnen begegnet. Nach meiner Erfahrung ist es einerseits wahr, dass es teilweise schon deutliche Unterschiede zu dem Frauenbild gibt, das ich »von zuhause« kenne – andererseits aber greifen natürlich vereinfachende Darstellungen von bösen Latino-Machos und armen unterdrückten Frauen viel zu kurz. Unterschiede gibt es überall – zwischen den Generationen, zwischen Stadt und Land, zwischen den sozialen Schichten.

Wenn Männer und Frauen gemeinsam ausgehen, ist es meist eine Selbstverständlichkeit, dass die Männer die Zeche bezahlen. Eine Selbstverständlichkeit, die so massiv sein kann, dass sie sich sogar zu einem Hindernis auftürmt: Ich habe es erlebt, dass ein guter Freund sich weigerte, mit mir in ein Café zu gehen, weil er kein Geld hatte, weder um mich einzuladen noch um sich selbst ein Getränk zu bezahlen, und mein Vorschlag, ich könne ihn schließlich auch einfach einladen, war für ihn vollkommen indiskutabel. Umgekehrt hatte ich zwar auch peruanische Kumpel, denen ich durchaus auch mal ein Bier ausgeben durfte. Aber die allgemeine Erwartungshaltung ist eine andere.

Das Paradies ist anderswo, Machismo und Sexismus leider nicht

Cartoon aus der peruanischen Zeitung "El Trome"

„¿Y esto qué es?“

Machismo und Sexismus sind Themen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren und beginnt bei den kleinen Alltagserlebnissen, die ich selbst hatte – anzügliches Hinterherpfeifen auf der Straße als harmloseste Variante – und endet bei Auswüchsen in öffentlichen Medien, die mir die Sprache verschlagen. Etwa, als ein Politiker aus Lima – eigentlich anlässlich eines anstehenden Referendums – nonchalant sagte: »Oh, die Damen sagen ja immer zuerst Nein und am Ende Ja«, was immerhin ein Mindestmaß an Entrüstung auslöste. Oder aber der Cartoon in einer peruanischen Zeitschrift, auf den der Blog El Útero de Marita kürzlich hinwies: die Frau, die den Straßenräuber anfleht, sie nicht zu töten. »Ich habe doch gar nichts!« Worauf er mit hämischem Grinsen auf ihre Brüste zeigt und erwidert: »Und was ist das da?«

Das Paradies, möchte man also meinen, ist wieder einmal anderswo. Aber hier in Deutschland ist es ganz gewiss nicht. Es gibt genug Beispiele für offenen, nahezu salonfähigen Sexismus und Machismo in Medien und Öffentlichkeit (wer erinnert sich noch an die Brüderle-Geschichte aus dem letzten Jahr?). Dies hier ist noch immer eine Gesellschaft, in der Frauen für die gleiche Arbeit weniger Lohn bekommen und damit rechnen müssen, generell bei der Postenbesetzung das Nachsehen zu haben. Oder sich im Vorstellungsgespräch Fragen über die Familienplanung gefallen (wenn auch nicht zwangsläufig beantworten) müssen. Dass wir Antidiskriminierungsgesetze haben, ändert nichts an der Tatsache, dass das Geschlecht noch immer eine Rolle bei der Stellenvergabe spielt.

Meine Freunde in Perú reagierten überrascht, als wir einmal darüber sprachen, dass in deutschen Stellenausschreibungen meist der Passus zu finden ist, Frauen seien ausdrücklich zur Bewerbung aufgefordert. »Aber sollte das nicht selbstverständlich sein?« Sollte es. Ist es aber offensichtlich noch nicht, und solange wir glauben, dass dieser Passus notwendig ist, sind wir vom Paradies noch Lichtjahre entfernt. Das Beispiel hat mir auch bewusst gemacht, dass Emanzipation und Gleichberechtigung eben keine Blockzustände sind, die ganze Gesellschaften im gleichen Maße erfassen oder übergehen. Es gibt wie immer unzählige Schattierungen – denken wir auch nur an das Phänomen, dass es in vielen Kontexten paradoxerweise auch Frauen sind, die sich machistische Denkweisen aneignen und sie z.B. an die eigenen Kinder weitergeben (»Du bist ein Junge, und Jungs weinen nicht!«).

Karriere und Haushalt – wertvoll und wertlos?

Mein peruanischer Gastvater vertrat zu meinem Entsetzen tatsächlich die Ansicht, dass der beste Platz der Frau im Haushalt und in der Kindererziehung sei. Wir haben über dieses Thema sehr lange und ernsthaft diskutiert. Und nein, er hat mich nicht von seinem Standpunkt überzeugt. Was ich aber aus jenem Gespräch mitgenommen habe, ist ein Punkt, der mich bis heute nachdenklich macht. Die Haltung meines Gastvaters entsprang nicht einfach aus der klischeehaften Macho-Annahme, eine Frau könne eben nichts weiter, als im Kochtopf zu rühren und Windeln zu wechseln. Nein. Seine Worte drückten einen aufrichtigen, fast ehrfürchtigen und tiefgehenden Respekt vor den klassischen Aufgaben einer Hausfrau aus, insbesondere in der Verantwortung der Kindererziehung.

Diese Wertschätzung ist auf keinen Fall eine Entschuldigung für machistische »Frauen an den Herd!«-Diskurse. Aber sie ist etwas, das unserer deutschen Gesellschaft – auch das ist schwammig und verallgemeinernd gesagt – vollkommen abgeht, und ich denke, dass auch hier noch ein Kernproblem im Weg zur Gleichberechtigung liegt. Die Diskriminierung von Frauen im Berufsleben, das Fehlen der richtigen Strukturen, um Karriere und Kind (salopp gesagt) unter einen Hut zu bringen, das ist die eine Seite der Medaille und eine klaffende Großbaustelle in unserer Gesellschaft und unserem Denken. Die andere Seite ist aber der Punkt, dass gesellschaftliche Wertschätzung bei uns im Prinzip immer an wirtschaftlichen Erfolg gekoppelt ist. Dass die Selbstbestimmung einer Frau meistens erst dann als achtenswert gilt, wenn sie darauf abzielt, eine Karriereleiter zu erklimmen.

Eine Frau, die sich außerhalb dieser Muster verwirklichen will und vielleicht sogar die Frechheit besitzt, im Haushalt Erfüllung zu finden (oder eben in Aufgaben, die keinen finanziellen Umsatz generieren), muss sich nach meiner Erfahrung immer wieder dafür rechtfertigen. Ihre Leistungen sind nichts wert. Dieses Denken geht ja noch weiter: Wo sich – bei heterosexuellen Paaren – tatsächlich der Mann dafür entscheidet, zuhause zu bleiben und die Frau das Geld verdienen zu lassen, wird diese Rechtfertigung oft noch stärker erwartet, die Entscheidung des Mannes auf das Berufsleben wird immer wieder als Verzicht, als Opfer angesehen.

Die Einbahnstraße der Gleichberechtigung

Und das ist letztlich die zweite Großbaustelle: Dass wir neben festsitzenden Rollenbildern auch unsere Wertvorstellungen überdenken müssen. Dass Frauen Hosen tragen und Karriere machen dürfen, ist ein wichtiger Schritt, aber es ist noch keine Gleichberechtigung. Gleichberechtigung ist es, wenn jede Frau (und jeder Mann) sich vollkommen frei entscheiden kann, ob die Priorität im Berufsleben oder in Haushalt/Familie liegen soll – bzw. wenn die entsprechenden Strukturen geschaffen sind, dass beides problemlos miteinander vereinbart werden kann. Gleichberechtigung ist es, wenn Sphären, die jahrhundertelang als »männlich« begriffen wurden (= viele Berufsgruppen) nicht einfach nur für Frauen zugänglich werden, sondern wenn gleichzeitig auch jene Sphären, die historisch oft als »weiblich« konnotiert sind (= Haushalt und Kindererziehung), im öffentlichen Bewusstsein aufgewertet werden.

Dass Hausfrauen und -männer für ihren Verzicht auf die Karriere belächelt werden, ist nur ein Beispiel dafür, dass Gleichberechtigung der Geschlechter noch viel zu häufig eine Einbahnstraße ist. Die Frage, warum es okay ist, wenn ein Mädchen sich als Cowboy verkleidet, aber bedenklich sein soll, wenn ein Junge als Prinzessin Lillifee zum Fasching gehen möchte, gehört ebenso dazu.

In diesem Sinne: Das Paradies ist anderswo, und wir haben es noch verdammt weit bis dorthin. Die Ungleichheiten hingegen sind überall, ob in Perú oder Deutschland. Sie mögen sich unterschiedlich und in verschiedener Schärfe ausdrücken. Eine deutsche Großstädterin mag deutlich bessere Instrumente zur Verfügung haben, sich gegen sie zur Wehr zu setzen und sie zu überwinden, als eine peruanische Hochlandbewohnerin. Aber sie betreffen uns alle – und sie sind in unserem Denken teilweise erschreckend fest verankert.