»Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennen zu lernen.« – Gabriel García Márquez, Hundert Jahre Einsamkeit

Vor einiger Zeit kursierte auf Facebook ein Spiel, bei dem man eine Handvoll Autoren nennen sollte, die einen maßgeblich beeinflusst, berührt, begleitet haben. Obwohl ich mehrfach nominiert wurde, habe ich nicht mitgespielt. Aber hätte ich es getan, unter den Namen dieser Autoren hätte ich gewiss einen genannt: Gabriel García Márquez.

Seinen Namen hörte ich das erste Mal mit 15 als Literaturtipp von einem kolumbianischen Bekannten. Die ersten Zeilen von ihm las ich wenige Monate später, als mir ein Buch mit seinen frühen Kurzgeschichten in die Hände fiel. »Augen eines blauen Hundes« ist nach wie vor eine meiner Lieblingsgeschichten von »Gabo«: Ein Mann und eine Frau, die einander nur in ihren Träumen begegnen und stets versprechen, sich im wachen Zustand zu suchen – der Mann aber kann sich nie an seine Träume erinnern.

Dass ich schließlich die spanische Ausgabe von »Hundert Jahre Einsamkeit« mit in den Spanienurlaub nahm, als ich gerade mal ein Jahr Spanischunterricht hinter mir hatte, war eigentlich ein Versehen. Ich hatte viel Zeit, keine Ablenkung und ein faustgroßes Spanischwörterbuch, in dem sämtliche mir unbekannte Vokabeln nicht aufgeführt waren. Trotzdem las ich das Buch (das von García Márquez. Nicht das Wörterbuch. Das warf ich irgendwann gegen die Wand). Ich kam nach Macondo und lernte das Eis kennen. Und als ich den Roman am Ende zuklappte, wusste ich nicht mehr, auf welcher Sprache ich ihn gelesen hatte. Aber die Geschichte, die Bilder, das war mir geblieben. Gabriel García Márquez hat mir ein für allemal die Angst vor fremdsprachiger Lektüre genommen. Und dafür vieles gegeben: die Faszination für seinen kraftvollen, poetischen Stil und die Bilder, die er mit wenigen Worten zu zeichnen verstand. Den Charme des magischen Realismus, der den Zauber in der Wirklichkeit entdeckt.

»Der Regen sieht anders aus von diesem Fenster. Es ist, als ob es in einem anderen Dorf regnen würde.« – Gabriel García Márquez, Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt

Auf gewisse Weise war García Márquez immer da – nicht nur, weil seit vielen Jahren ein Poster mit seinem Bild an meiner Zimmertür hängt. Irgendwo stand er immer am Wegrand. Wenn ich überlege, welches seiner Bücher mich am tiefsten berührt hat, dann ist es erstaunlicherweise nicht das legendäre »Hundert Jahre Einsamkeit«, nicht »Die Liebe in den Zeiten der Cholera« und auch nicht die klug durchkomponierte »Chronik eines angekündigten Todes«; es ist das doch recht kurze, melancholische »Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt«, das ich nur auf Spanisch gelesen habe. Aber die Geschichte des alten Obersts, der vergeblich auf die Ankunft seiner Pension wartet und dem nur dieser eine, prächtige Kampfhahn bleibt, den er wider alle Vernunft behält, hütet und pflegt, hat bei mir einen Nerv getroffen. Es ist eine Erzählung, an die ich denke, wenn ich mich daran erinnern muss, dass es wichtig ist, auch gegen Widerstände an den eigenen Träumen festzuhalten und für sie einzutreten.
»Illusion kann man nicht essen«, hält die Frau des Obersts ihm vor, und er antwortet lakonisch: »Aber sie nährt.« Im zweiten Band meiner Kondorkinder unterhalten sich meine Protagonisten über genau diese Stelle: meine persönliche Verneigung vor Gabo.

Gabriel García Márquez ist 87 Jahre alt geworden, sein Gesundheitszustand soll zuletzt nicht gut gewesen sein. Dass er gegangen ist, kommt bestimmt nicht überraschend. Aber es trifft. Ich habe geweint, als ich es erfahren habe. Er war jemand, dem ich unglaublich gerne begegnet wäre. (Vielleicht habe ich das im Traum ja getan und nach dem Aufwachen nur vergessen?)
»Macondo trägt Trauer«, heißt es in einem der Tweets, die kurz nach der Nachricht durch das Netz gingen. Andere greifen auf Gabos Worte selbst zurück, um angemessen Abschied zu nehmen: » … dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt« (Die Liebe in den Zeiten der Cholera). Der verwendete Hashtag: #GraciasGabo. Und mehr bleibt vielleicht gar nicht zu sagen. Hasta siempre, maestro. Gracias, Gabo.

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»No hay más cielo, no hay
No hay más viento, no hay
No hay más hielo, no hay
No hay más fuego, no hay …«

– Shakira, La Despedida

 

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Bildnachweis: Pfeilgiftfeder/Pixabay