Seit 2006, als ich das erste Mal nach Perú kam, wollte ich gern nach Cotahuasi, aber geklappt hat es nie. Meistens aus Zeitgründen: Die Fahrt von Arequipa nach Cotahuasi dauert zehn bis zwölf Stunden, das macht es als Wochenendausflug etwas unattraktiv — ich bin dann immer lieber in das nur fünf Stunden Fahrt entfernte Colca-Tal gefahren. Und wenn ich doch einmal mehr Zeit zur Verfügung hatte, war meistens gerade Regenzeit, und da wiederum wollte ich mir eine zum Teil unasphaltierte Bergstraße nicht unbedingt antun.

Jetzt aber habe ich es endlich geschafft und mich am Abend des 30. April in den Bus nach Cotahuasi geschwungen. Die Straße von Arequipa nach Cotahuasi ist, wie gesagt, nicht durchgehend asphaltiert, sodass man auf dem Mittelteil der Strecke höchst unbequem dahinruckelt. Entschädigt werde ich dafür mit einer wolkenlosen Andennacht und einem atemberaubenden Sternenhimmel. Kurz vor fünf Uhr morgens kommen wir in Cotahuasi an, und ich mache mich auf den Weg zur zentralen Plaza, in der Hosentasche einen Zettel mit ein paar Hotel-Adressen. Ich habe zwar im Hinterkopf gehabt, dass am 4. Mai Cotahuasis großes Dorffest stattfindet, aber vollkommen unterschätzt, was das für die Quartiersuche benötigt: Es ist fast alles hoffnungslos ausgebucht, und ich kann mich glücklich schätzen, noch ein Gemeinschaftszimmer mit Gemeinschaftsbad zu erhaschen.

Cotahuasi und seine Fiesta

Fiesta-Stimmung in Cotahuasi.

Fiesta-Stimmung in Cotahuasi.

Das Dorf selbst hat es mir dafür auf den ersten Blick angetan — es ist doch noch ein ganzes Stück anders als die Dörfer im Colca-Tal. Viele alte, wohl noch koloniale Häuser mit weißgetünchten Fassaden; schmale gepflasterte Straßen und — völlig unüblich — ein dreieckiger, sehr kleiner Hauptplatz mit einer Kirche, die sich fast verschämt in eine Ecke drängt. Cotahuasi ist die Hauptstadt der Provinz La Unión (die ihrerseits zum departamento Arequipa gehört) und das Tor zum Cotahuasi-Canyon. Die Regenzeit ist gerade frisch vorbei, sodass das Tal rund um Cotahuasi in allen Grüntönen leuchtet, hier und da sattes Gelb und Rot, wo verschiedene Kiwicha-Sorten angebaut werden.

Erstaunlich früh erwacht das Dorf zu fieberhafter Geschäftigkeit. Quer über die Gassen sind bunte Papierwimpel gespannt, die Vorfreude auf die fiesta liegt ganz klar in der Luft. Beim Bummel durch die Hauptgasse ruft mir plötzlich jemand aus einem kleinen Gemischtwarenladen hinterher — es ist Alcira, meine Sitznachbarin aus dem Bus, mit der ich mich eine ganze Weile über Wasserfälle und Berggötter unterhalten habe. Wir hatten uns auch lose verabredet, gemeinsam den Sipia-Wasserfall zu besuchen, also tauschen wir jetzt Handynummern aus, um uns später genauer zu koordinieren.

Ethnologie einmal live erlebt: Hahnenkampf in Cotahuasi

Am Abend bekomme ich tatsächlich eine SMS von Alcira: »Komm doch zum Hahnenkampf!« Damit habe ich nun nicht gerechnet. Meine bisherigen Berührungspunkte mit dem Thema beschränken sich auf den ethnologischen Klassiker von Clifford Geertz über Hahnenkampf in Bali. Nun habe ich also Gelegenheit, mein Wissen zu vertiefen. Tapfer frage ich mich im Dorf durch, bis ich in einem weitläufigen Hinterhof eine Art Mini-Amphitheater finde, voll besetzt, und von dort winkt mir Alcira zu und stellt mich ihren begleitenden Freundinnen vor.

Landschaft zum Verlieben

Landschaft zum Verlieben

Hahnenkampf wird definitiv nicht das Freizeitspektakel meiner Wahl werden, aber aus kulturanthropologischer Sicht ist es eine interessante Erfahrung. Ein Bekannter Alciras hat seinen eigenen Hahn dabei, schneeweiß und blutjung — »Das ist ein Küken! Er hat ja noch gar keinen Schwanz!«, ruft Alcira immer wieder bedauernd aus —, und ich ertappe mich schließlich dabei, wie ich mit Alcira und ihren Freundinnen das arme Federknäuel anfeuere: »¡Vamos, Blanco! ¡Dale, dale!« (Der Kleine bringt es am Ende immerhin auf ein Unentschieden!)

Wein und Huayno am Fuße des Wiñau

Der Wiñau, Cotahuasis Haus- und Schutzberg

Der Wiñau, Cotahuasis Haus- und Schutzberg

Später spazieren wir zu einer kleinen Kapelle einige Blöcke oberhalb der Plaza. Hier ist eine Musikanlage aufgebaut worden, die ersten Pärchen tanzen Huayno, einen der peruanischen Nationaltänze, der hier in den Anden unglaublich populär ist. Ehe ich’s mir versehe, hat Alcira zwei caballeros zum Tanzen herangewinkt — und plötzlich bin ich mittendrin in der Fiesta. Es ist eine kleine, fröhliche Gesellschaft, die sich vor der offenen Kapellentür zusammengefunden hat.

Immer wieder gehen Krüge mit süßem Wein aus dem Tal herum: Wie in jedem Andendorf wird die Fiesta von Cotahuasi von jährlich wechselnden Freiwilligen ausgerichtet, die auch für das leibliche Wohl der Feiernden zuständig sind. Ein Krug, ein Becher, man schenkt sich ein (oder lässt sich einschenken), prostet den anderen zu, trinkt, schüttet einen Anstandstropfen auf den Boden (auch als Geste an die Pachamama) und reicht den Becher zurück an den Krugträger. Ein wunderschöner, ausgelassener Abend, an dem ich sehr schnell vergesse, dass ich ja eigentlich gar keinen Huayno tanzen kann.

Kakteen und gelbe Schmetterlinge: Am Sipia-Wasserfall

In der Nähe der Catarata de Sipia

In der Nähe der Catarata de Sipia

Am nächsten Morgen sind Alcira und ich um halb sechs am Busterminal verabredet, um zum Wasserfall von Sipia zu fahren. Kurz vor dem Terminal bekomme ich eine SMS, dass es Alcira nicht so gut geht, ich trete den Weg also alleine an. Ein typischer altersschwacher Kleinbus ruckelt im ersten Morgenlicht aus dem Dorf, über die schmale, unasphaltierte Straße tief in den Canyon hinein und in langen Kurven immer wieder hinauf. Der Himmel leuchtet tiefblau, die Landschaft mit Feldern, Felsen und hochgewachsenen Kakteen ist einfach traumhaft schön.

Catarata de Sipia

Catarata de Sipia

Irgendwo im Nichts steht dann das Hinweisschild »Catarata de Sipia«, und ich darf aus dem Kleinbus hüpfen und dem Pfad entlang des Río Cotahuasi folgen, bis dorthin, wo der Fluss sich verengt und in einer Felsspalte 150 Meter in die Tiefe stürzt. Überall schwirren kleine gelbe Schmetterlinge herum, nichts ist zu hören außer dem Rauschen von Fluss und Wasserfall, und ich würde am liebsten den ganzen Tag hierbleiben. Kann ich aber nicht, weil ich rechtzeitig zurück an der Straße sein muss, um den Kleinbus zurück nach Cotahuasi zu bekommen: Es sind zwar angeblich »nur« 17 Kilometer zurück ins Dorf, aber die scharfen Steigungen in der unerbittlichen Mittagssonne wären ein eher mittelprächtiges Vergnügen.
Ich habe mal aber wieder unverschämtes Glück, als eine Familie aus Arequipa mit angeheiratetem US-Amerikaner und Privat-Kleinbus ebenfalls am Wasserfall auftaucht und mich kurzerhand bei ihnen mitfahren lässt.

Einmal im Jahr die Rückkehr ins Dorf

In Cotahuasi dauert es nicht lange, bis ich wieder auf Alcira und ihre Freundinnen stoße. Der Gemischtwarenladen, aus dem heraus sie mich gestern angesprochen hat, entpuppt sich als eine Art ständiger Treffpunkt. Hier bedient Reyna, eine gut gebaute und unerschütterlich fröhliche Frau; am Eingang stehen ein Holzbänkchen und ein Stuhl für Besucher bereit, die zum Plaudern kommen, und plötzlich sitze ich da auch mit meinem Frühstücksjoghurt. »Da bist du gerade angekommen und schon in die Mädchenclique aufgenommen«, sagt Reyna augenzwinkernd.

Wobei man dazu sagen muss, dass es sich bei dieser »Mädchenclique«, also Alcira und ihren Freundinnen, allesamt um erwachsene Damen um die 40 handelt. Sie stehen voll im Berufsleben und wohnen schon lange nicht mehr in Cotahuasi. Alcira ist Ingenieurin in Tarapoto, Lourdes Krankenschwester in Lima, Yeny Apothekerin in Santiago de Chile. Aber einmal im Jahr kommen sie in Cotahuasi zusammen: Wenn Fiesta ist. Das ist ein Phänomen, von dem ich natürlich immer wieder gelesen und das ich auch im Colca-Tal schon erlebt habe — meist allerdings mit Freunden meines Alters, die in Arequipa studieren. Sind die Feierlichkeiten vorbei, wird das Dorf in eine Art Dornröschenschlaf fallen. Bis zum nächsten Jahr.

Stierkämpfe und Pferderennen

Bei den Caballitos de Paso ist auch der Nachwuchs dabei

Bei den Caballitos de Paso ist auch der Nachwuchs dabei

Was die Fiesta betrifft, so haben sich die Organisatoren nicht lumpen lassen — immerhin wird das 180jährige Gründungsjubiläum der Provinz La Unión gefeiert. Das zwar erst am Montag, aber das hindert nicht daran, die Fiesta schon am Donnerstag beginnen zu lassen und mit allem aufzuwarten, was das (Cotahuasino-)Herz begehrt: Es gibt einen festlichen Umzug, Pferderennen und einen Tanzwettbewerb, bei dem sämtliche Schulen der Provinz teilnehmen. Es gibt eine große Dressurpferde-Show auf dem örtlichen Fußballplatz, bei der im Vorfeld so ziemlich alles schiefgeht, was schiefgehen kann: Erst gibt es keinen Strom, dann hat der Musikbeauftragte die Provinzhymne nicht mitgebracht, weswegen die anwesende Blaskapelle etwas überfordert die Nationalhymne improvisieren muss (ja, ich habe notgedrungen mitgesungen), und schließlich hört dem Vorsitzenden des Dressurpferdeverbandes niemand bei seiner dramatischen Rede zu, weil zeitgleich zwei Paraglider unter den neugierigen Blicken von Zuschauern und Pferden mitten auf dem Feld landen.

Am Dienstag gibt es außerdem eine Corrida, einen Stierkampf, was Hauptgesprächsthema im ganzen Dorf ist, obwohl Reyna verbissen dagegen kämpft. Allerdings nicht etwa aus Tierliebe, sondern aus Prinzip. »Die Corrida hat noch nie etwas gekostet, aber in diesem Jahr nehmen sie zehn Soles pro Person — und eine arme Familie, die aus einem der abgelegenen Dörfer kommt, Vater, Mutter, mehrere Kinder, wie sollen die das bezahlen? Die Fiesta sollte für alle Leute sein, aber das hier spaltet nur. Das ist bloß für die, die Geld haben.« Am liebsten wäre ihr ein flächendeckender Boykott der Corrida, doch am Ende strömt dann doch fast das ganze Dorf in die Stierkampfarena, während Reyna kopfschüttelnd auf dem Holzbänkchen in ihrem Laden sitzt.

Auf dem Wiñau

Wiñau Chico: Auf dem Weg nach oben

Wiñau Chico – auf dem Weg nach oben

Beim Tanz vor der kleinen Kapelle hat mir eine Curandera — eine traditionelle Heilerin — erklärt (oder geweissagt?), dass ich unbedingt auf den Wiñau steigen muss, den Schutzberg Cotahuasis, den man von so ziemlich jedem Punkt des Dorfes aus sehen kann. Alcira ist gerne bereit, das mit mir zu machen, auch wenn wir nicht den Wiñau Grande anstreben, sondern den Wiñau Chico, den etnwas kleineren »Vorberg«. Auch für den brauchen wir gute anderthalb Stunden, was aber weniger an dem stetig ansteigenden Geröllpfad liegt als an unserer miserablen Ausdauer.

Cotahuasi von oben: Wer sieht die Eidechse?

Cotahuasi von oben – wer sieht die Eidechse?

Doch schließlich sitzen wir hoch oben auf dem Wiñau Chico und blicken auf Cotahuasi und das ganze Tal hinab. »Für mich sieht Cotahuasi immer wie eine Eidechse aus, mit ihrem langen Schwanz und ihren vier Beinen«, meint Alcira, und nachdem ich die Form selbst entdecke, wird Cotahuasi für mich wohl immer das Eidechsendorf bleiben. Alcira erklärt mir auch, dass Cotahuasi bis vor einigen Jahren sogar einen Flughafen hatte: Auf der einstigen Landebahn findet das Pferderennen statt. Mit Flügen ist es aber definitiv vorbei, denn die Fläche des Flughafens ist längst von zahllosen Zuzüglern erobert worden, die dort kurzentschlossen ihre Häuschen gebaut haben. Cotahuasi hat nicht viel Platz zum Wachsen, man nimmt, was man kriegen kann.

Wir waren auf dem Lonely Mountain ... oder so ähnlich.

Wir waren auf dem Lonely Mountain … oder so ähnlich.

Musik in den Gassen

Und schließlich wird weiterhin jeden Abend bis spät in die Nacht getanzt — vor der kleinen Kapelle oder in der Stierkampfarena. An meinem letzten Abend in Cotahuasi schaffe ich es gar nicht dorthin, denn da erklingt mitten im Dorf Musik aus einer Seitengasse, wo sich ein Gitarrist und ein uralter Geiger positioniert haben und (natürlich) Huaynos aus Cotahuasi und Ayacucho spielen. Eine kleine Menschentraube hat sich schon gebildet, und als ich — im Schlepptau eine Engländerin und eine Niederländerin, die ich am Samstag beim Abendessen kennengelernt habe — neugierig stehenbleibe, werden wir sofort nähergewunken, bekommen puren Pisco im Flaschenverschluss serviert und sind fest in den kleinen Kreis der Musizierenden und Tanzenden eingebunden.

Landschaft mit Kiwicha

Landschaft mit Kiwicha

Auch Chivay und andere Dörfer des Colca-Tals habe ich während ihrer Fiesta erlebt und weiß, dass das immer etwas Besonderes ist. Cotahuasi ist aber noch einmal auf ganz eigene Art faszinierend. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass die Provinz bereits an das departamento Ayacucho grenzt, entsprechend stark sind zum Teil die musikalischen Einflüsse aus den Zentralanden — an einem Abend treten sogar danzantes de tijeras auf, Scherentänzer. Es werden auch einige Huaynos aus Ayacucho gespielt, aber in der Mehrheit doch Lieder aus Cotahuasi selbst, und ich muss bedrückt feststellen, dass es offenbar nicht alle von ihnen auf CD gibt.

Als ich am Dienstagabend wieder in den Bus nach Arequipa steige — mit ordentlich Verpflegung im Gepäck, denn Lourdes hat darauf bestanden, mir noch eine ordentliche Portion Cuy (Meerschweinchen) mit verschiedenen Kartoffelsorten und Anden-Lupinen zu kredenzen —, steht für mich jedenfalls fest, dass ich wiederkommen muss, möglichst schnell. Nicht nur, weil es in Tal und Canyon noch unglaublich viel zu entdecken gibt, sondern vermutlich auch, weil ich ja auf den Wiñau gestiegen bin. Und der, so sagt man in Cotahuasi, sorgt dann schon dafür, dass man wiederkommt.