Blick aus dem Flugzeug auf den abendlichen Amazonas

Blick aus dem Flugzeug auf den abendlichen Amazonas

Mittlerweile ist meine erste Woche in Perú vergangen, sodass es Zeit für einen Blogeintrag wird — vor allem, weil ich mir gerade gar nicht vorstellen kann, dass ich erst seit einer Woche hier bin.

Am Abend des 4. April bin ich zunächst einmal gut in Lima gelandet. Mit der peruanischen Hauptstadt und mir ist das so eine Sache — wir sind lange nicht wirklich miteinander warm geworden, im wörtlichen Sinne, denn die kühle feuchte Küstenluft in Lima geht einem bis auf die Knochen und hat dafür gesorgt, dass ich an keinem anderen Ort Perús so jämmerlich gefroren habe wie hier, nicht einmal in der beißenden, aber trockenen Kälte hochgelegener Andendörfer.

Dazu kommt — neben einer erheiternden Anekdote über einen Rucksack voll Dreckwäsche, der mir während meines ersten Besuchs direkt vom Schoß geklaut wurde — die schiere Größe der Stadt. Schätzungsweise neun Millionen Menschen leben hier. Lima ist riesig, und ich habe mich hier nie wirklich orientieren können. (Was allerdings auch nichts weiter heißen muss, denn mein Orientierungssinn sieht ohnehin nur sporadisch mal auf einen Kaffee vorbei und amüsiert sich ansonsten aus sicherer Entfernung darüber, wie ich ohne ihn zurechtkomme.) Zu Fuß gehen bringt einen in Lima nicht unbedingt ans Ziel, dazu sind die Entfernungen zu groß, und das verwirrende System der combis (Kleinbusse) im öffentlichen Nahverkehr muss man erst einmal durchschauen. Bleibt nur Taxifahren, und das ist teuer und ebenfalls nicht ganz ungefährlich.

Als ich 2011 mit einer Studienexkursion für zwei Wochen in Lima war, habe ich aber einen etwas anderen Blick auf die Stadt bekommen und so einigermaßen Frieden mit ihr geschlossen. Und Lima scheint daran gelegen zu sein, dass wir beide doch noch Freunde werden, denn dieses Mal ist hier Sommer, und die Stadt wartet mit blauem Himmel auf, mit Sonnenschein, der die Fassaden der Kolonialhäuser in der Altstadt zum Leuchten bringt und so viel Kraft hat, dass man sich um die Mittagszeit lieber irgendwo im Schatten verkriecht. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zu der ansonsten grau-trüb-nebligen Stadt, die ich sonst kenne.

Das reale Vorbild des Hotels Yanaphuru

Das reale Vorbild des Hotels Yanaphuru

Das originale »Yanaphuru«

Mein Hotel liegt nur ein paar cuadras (Blöcke) von der Plaza Mayor mit Kathedrale und Regierungspalast entfernt. Es ist selbst in einem alten Kolonalhaus untergebracht, es gibt hohe Decken, Wendeltreppen aus dunklem Holz, großformatige Gemälde, eine verwinkelte Dachterasse, auf der zwischen Topfpflanzen ein Pfauenpärchen umherspaziert. Ich mag dieses Hotel so gerne, dass es sogar Pate stand für das »Hotel Yanaphuru« in meinen »Kondorkindern«. (Es ist zwar wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich hier absteige, weil sie die Preise mittlerweile ordentlich erhöht haben, aber für dieses Mal, zum Ankommen, war es großartig.)

Sonnenuntergang am Malecón in Lima, Miraflores.

Sonnenuntergang am Malecón in Lima, Miraflores.

Die Tage in Lima

Meine ersten Tage in Lima verlaufen soweit ruhig — ich spaziere extrem viel durch die Altstadt (meine Füße hassen mich) und treffe mich mit einer lieben Freundin, mit der ich in Miraflores am Malecón spazierengehe, der »Strandpromenade« (der tatsächlich aber weit oberhalb des Meers an der Steilküste liegt); ich trinke endlich wieder einmal Chicha Morada und stolpere ständig über Orte, die ich 2011 mit der Exkursion besucht habe.

Meine erste wirklich touristische Amtshandlung ist der Besuch des Inquisitionsmuseums. Der ist gratis, aber als ich am Einlass erkläre, dass ich gerne allein, in meinem eigenen Tempo und um Himmels Willen auf keinen Fall mit einer englischsprachigen Führung gehen möchte, stoße ich erst einmal auf verständnislose Blicke. Am Ende darf ich dann aber doch auf eigene Faust durch das Museum schlendern, das sehr übersichtlich ist. Ein paar ausführliche Texttafeln liefern interessante Fakten über die Geschichte der Inquisition, die erst zu Zeiten der peruanischen Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert abgeschafft wurde, und besonders stolz ist man offenbar auf den Raum, in dem mit Puppen typische Folterszenen nachgestellt werden.

Auf nach Chachapoyas: »No hay pase«

Landschaft.

Landschaft.

Meine nächste Station heißt Chachapoyas und liegt im Nordosten Perús auf 2.300 Metern Höhe, gute 24 Stunden Busfahrt von Lima entfernt. Dank Tintenzirkel-Autorenforum »kenne« ich sogar jemanden in Chacha, wo ich auch unterkommen werde (ja, wohin man auch geht in dieser Welt, der Tintenzirkel ist schon dort). Michaela warnt mich vor, dass Reisen nach Chachapoyas in diesen Tagen ein Glücksspiel sind: Es ist Regenzeit, und immer wieder gibt es huaycos, das heißt, Erdrutsche und Steinschläge, die dann die Straße blockieren. Dabei pflegt zwar niemand zu Schaden zu kommen, aber man steckt dann eben fest. Vorsorglich decke ich mich also mit Unmengen an Keksen, Sandwiches, Empanadas und Wasserflaschen ein.

Der erste Teil der Strecke verläuft auf der Panamericana nach Norden und zwar bei Nacht. Ich habe mir den Luxus eines bequemen bus cama gegönnt und schlafe sogar einigermaßen gut, und als ich am nächsten Morgen hinter den Vorhängen hervor aus dem Fenster luge, werde ich mit großartigen Ausblicken belohnt: sattgrüne Berghänge, unter denen rote Felsen schimmern, strahlend blauer Himmel mit nur einigen Wolkenfetzen.

Nur ein Bruchteil der Schlange ...

Nur ein Bruchteil der Schlange …

Alles läuft großartig — bis wir nur noch knappe zwei Stunden Fahrt von Chacha entfernt sind und der Busbegleiter mit ernster Miene vor uns tritt: »Sie haben uns gerade informiert, dass die Straße zu ist — no hay pase, man kommt nicht durch.« Wie lange es dauert, kann wie üblich keiner sagen. Immerhin, wir halten noch in einem Lokal und essen ausgiebig zu Mittag, bevor wir uns gegen 15 Uhr zwischen hohen Felsen und neben dem trüb-braun dahinrauschenden Río Utcubamba in eine Schlange aus Bussen und LKWs einordnen. Wolken ziehen auf, es regnet ein wenig, und als ich versuche, zur Spitze der Schlange zu wandern, muss ich nach etwa hundert Fahrzeugen aufgeben und zum Bus zurückkehren.

Die Situation hat auch Vorteile - zumindest für diese Ziege.

Die Situation hat auch Vorteile – zumindest für diese Ziege.

In der Nacht kann ich erstaunlicherweise schlafen, obwohl in unserem Bus eine Affenhitze herrscht und der Fahrer alle paar Stunden den Motor anwirft, damit die Klimaanlage zumindest kurzzeitig Linderung bringt. Am nächsten Morgen wandere ich wieder los, diesmal entschlossen, es tatsächlich bis an die Spitze der Schlange zu schaffen. Je weiter ich vorankomme, desto mehr Menschen tummeln sich auf der Straße, desto mehr Leben und Trubel herrscht. Am Straßenrand haben sich — woher auch immer — die ersten findigen Verkäufer mit kleinen Ständen platziert, die neben Getränken und Keksen ganze Mahlzeiten anbieten. Zwischen zwei LKWs ist ein behelfsmäßiger Mini-Pferch aufgebaut, in dem sich zahllose Küken tummeln, die offenbar auf einem der Wagen transportiert wurden. Ein paar Schritte vor mir klatscht eine Packung (natürlich benutzter) Windeln auf den Asphalt, die jemand aus einem der Reisebusse geworfen hat.

Ganz vorne wartet ein Polizist, der aber (natürlich) auch nichts Genaues weiß. Man arbeitet daran, die Straße zu räumen, sagt er, zwei, drei Stunden wird es wohl noch dauern. In peruanische Zeitangaben übersetzt heißt das: Es ist jetzt halb acht früh, vor Mittag tut sich hier gar nichts.

Multifunktionsbus: Auch als Wäschetrockner einsetzbar.

Multifunktionsbus: Auch als Wäschetrockner einsetzbar.

Im Schatten eines kleinen Häuschens am Straßenrand, gleich gegenüber von unserem Bus, warte ich mit den anderen Passagieren also weiter darauf, dass sich irgendetwas tut. Tatsächlich ist es Mittag, als plötzlich die ersten Fahrzeuge in Gegenrichtung an uns vorbeiziehen. Wir springen auf und winken ihnen zu. »¿Hay pase? Kommt man wieder durch?«, rufen wir — es könnte ja auch sein, dass einige Wartende einfach aufgegeben und gewendet haben.

Die Fahrer hupen und winken uns zu, was natürlich zunächst einmal alles heißen kann (ja, nein, euch auch einen schönen Tag). Doch je mehr Fahrzeuge uns — in wohldosierten Wellen — entgegenkommen, desto klarer wird: Hay pase.
Und gegen zwei Uhr, fast vierundzwanzig Stunden nach der Hiobsbotschaft, geht auf einmal alles ganz schnell: überall in Sichtweite eilen LKW-Fahrer in ihre Führerhäuschen, wir selbst springen eilig in unseren Bus, und weiter geht es. Um 16:30, achtundvierzigeinhalb Stunden nach meinem Aufbruch in Lima, komme ich endlich in Chachapoyas an. Hier darf ich bei Michaela und ihrem Freund in einem luxuriösen Gästezimmer wohnen und werde mit allerlei Infos zu den Sehenswürdigkeiten der Region versorgt.

Die Festung in den Wolken: Kuélap

Gleich am nächsten Tag mache ich mich denn auch mit einer sympathisch kleinen Reisegruppe auf zu der Festung Kuélap.

Kuélap

Kuélap

In der Region von Chachapoyas lebte einst eine Vielzahl ethnischer Gruppen, die schließlich von den Inka unterworfen wurden, aber immer rebellisch blieben. Der Begriff Chachapoya ist kein Name, den sie sich selbst gaben, sondern die Sammelbezeichnung der Inka für sie; in den meisten Fällen wird er mit »Wolkenmenschen« übersetzt (phuyu ist das Quechua-Wort für »Wolke« und steckt ziemlich sicher hinter der hispanisierten Endung »-poya«). Im Fall von Kuélap erscheint diese Bezeichnung besonders nachvollziehbar:

Grüne Ruinen. Noch immer Kuélap.

Grüne Ruinen. Noch immer Kuélap.

»Kuélap liegt da auf dem Berg — in den Wolken«, erklärt unser Guide und zeigt ins trübe Grau. Als wir am Fuß der massigen Kalksteinmauern ankommen, ziehen weiter Wolkenfetzen an ihnen vorbei. Jenseits des trutzigen Turms aus Inkazeiten geht der Blick in undurchdringliches, diesiges Weiß. Die Festung erscheint wie eine ganz eigene Welt, in der man sich aufgrund ihrer Größe auch eine ganze Weile verlieren kann.

"Willkommen in meinem bescheidenen Heim!"

„Willkommen in meinem bescheidenen Heim!“

Neben Chachapoya-Gebäuden — Fundamente kreisrunder Häuser, mit Zickzackmustern verzierte Wände — finden sich eben auch die Überreste inkaischer Bauten, da die Festung ja irgendwann von den Inka erobert wurde. Zwischen den Ruinen blühen Orchideen. Und: Es kann einem passieren, dass man aus einem der Häuser Schritte hört und sich im nächsten Moment Auge in Auge mit einem Lama findet.

Von Schlamm und Stein: Quiocta und Karajía

Einen Tag später stehen sogar zwei Attraktionen auf meinem Programm: die Höhle von Quiocta und die Sarkophage von Karajía, auch diesmal mit einer kleinen Reisegruppe und einem deutlich enthusiastischeren Guide als gestern, der keine Gelegenheit auslässt, uns etwas über Pflanzen zu erzählen (»Oh, seht mal da, diese Agave! Wie wunderschön!«).

Der Weg nach Quiocta führt über eine vom Regen aufgeweichte Wiese, auf der wir bereits alle sehr dankbar für unsere Gummistiefel sind. Der Ticketverkäufer, der uns das vergitterte Tor zur Höhle aufschließt, zeigt auf die tiefe Pfütze am Eingang. Gestern stand hier wohl alles unter Wasser, wie es da drinnen jetzt aussieht, weiß er auch nicht genau. Kein Problem, wir haben ja Gummistiefel. Und zwei Lampen.

Malerisch angeordnete Knochen in der Höhle Quiocta.

Malerisch angeordnete Knochen in der Höhle Quiocta.

Quiocta wird eigentlich aufgrund der dort hausenden Fledermäuse und der dekorativ auf Steinen angerichteten Schädel- und Knochenfunde besucht, aber an diesem Tag ist das Vorankommen selbst die eigentliche Herausforderung. Bei jedem Schritt sinkt man in schmatzendem Schlamm ein, stellenweise steht trübes Wasser so hoch, dass nur sehr vorsichtiges Vorantasten mit dem Fuß einen festen Punkt für den nächsten Schritt sichern kann. Das machen wir sehr, sehr ernsthaft, seit unser Guide gleich zum Anfang grandios daneben tritt und sich fast ins schlammige Wasser verabschiedet. Nina aus Huánuco hat noch weniger Glück, als sie mit dem rechten Fuß in ein Loch einbricht. Die schwarze Masse darin, die ihr an Stiefel und Hose kleben bleibt, entpuppt sich als übelriechender Fledermausdreck.

Höhle glücklich überlebt.

Höhle glücklich überlebt.

Stück für Stück arbeiten wir uns tiefer in die Höhle vor, während die Lampen langsam schwächeln. »Die Batterie reicht nur für eine Stunde, wir sollten uns beeilen — seht ihr, die Lampe stirbt schon langsam«, meint unser Guide immer wieder. »Ich hoffe, das reicht überhaupt noch für den Rückweg.« Das ist natürlich genau das, was man tief in einer schlammig-glitschigen Höhle so hören möchte. Meine peruanischen Reisegefährten hält es aber nicht davon ab, das ersterbende Licht für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu nutzen: Einzel- und Gruppenfotos noch und nöcher. »Oh, und jetzt noch mal mit meiner Kamera, bitte!« Ich sehe uns schon in völliger Schwärze den Rückweg suchen. Wahrscheinlich wird man irgendwann unsere Skelette finden, die Knochenarme ausgestreckt, um einen letzten Selfie zu produzieren. Aber nein: Das Licht reicht tatsächlich, und schlammig, erschöpft und zufrieden taumeln wir aus dem Ausgang.

Sarkophage von Karajía

Sarkophage von Karajía

Die Sarkophage von Karajía befinden sich denkbar weit weg von der Dunkelheit einer Höhle. In luftiger Höhe an einer senkrecht abfallenden Felswand scheinen sie den Blick übers Land zu genießen. Sie sind wohl gen Osten ausgerichtet, sodass sie in die Morgensonne blicken — wortwörtlich, denn sie sind menschlicher Gestalt nachempfunden und haben Gesichter. Im Inneren der Sarkophage befinden sich Mumien und Grabbeigaben. Neben der Sechsergruppe gibt es noch einige weitere, die aber viel schwerer zu entdecken sind. Ohne Fernglas und sachkundige Anleitung (»Da, von diesem dunklen Loch aus noch ein bisschen nach links!«) für mich zumindest fast unmöglich.

Posierende Lamas in Kuélap.

Posierende Lamas in Kuélap.

Von Mücken zerstochen und voll von getrocknetem Schlamm geht es dann zurück nach Chachapoyas. Am heutigen Sonntag gönne ich mir einen ruhigen Erholungstag. Ein paar Tage werde ich wohl noch in Chacha bleiben und mir den Wasserfall Gocta und die Nekropole Revash ansehen (die Chachapoya waren ja kein einheitliches Volk, entsprechend hatten sie auch je nach Region unterschiedliche Begräbnisriten — einerseits die Sarkophage, andererseits die Nekropole). Meine nächste Station soll dann Cajamarca sein. Das hatte ich sowieso vor, es ist aber auch im Moment die beste Möglichkeit, von hier wegzukommen, denn die Straße nach Chiclayo (über die ich ja gekommen bin) ist, Überraschung, mal wieder blockiert, und gerade wohl auch für mehrere Tage. Also lieber Cajamarca, und von da dann zurück nach Lima. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden …