Diese Nacht wird eine Computernacht. Ich habe seit kurz vor Mitternacht (17:00 peruanischer Zeit) die Seite comparaya.pe (»vergleich schon«) auf, wo es gegen 18:00 Uhr peruanischer Zeit die ersten Hochrechnungen geben soll. Außerdem meinen Twitter-Account – jetzt wird es sich mal auszahlen, dass ich sämtlichen peruanischen Zeitungen und Nachrichtensendern »folge«, die ich dort finden konnte.

Gut eine Stunde vor Schließung der Wahllokale sickern bereits die ersten Zahlen durch. Niederschmetternd. Ollanta ist quasi durch, 31,6 % soll er geholt haben. Im zweiten Wahlgang am 5. Juni wird er demgemäß wohl gegen Keiko (21,4 %) oder PPK (19,2 %) antreten. Toledo liegt zu diesem Zeitpunkt relativ abgeschlagen bei 14,4 %. Besonders entsetzt mich ein Tweet zu den Hochrechnungen aus Arequipa: Dort soll Ollanta über vierzig Prozent der Stimmen eingefahren haben. Statistikgott, lass Gnade walten.

00:30. Twitter ist toll für solche Sachen. Im Minutentakt rasen neue Nachrichten ein. Offenbar hat sich jemand von Toledos Partei »Perú Posible« öffentlich geäußert, denn eine ganze Weile dreht sich alles nur darum. Man will Ruhe bewahren, warten bis mindestens 20:00 Uhr peruanischer Zeit (drei Uhr früh hier), ehe man sich zu den Zahlen äußert, sagt Carlos Bruce von »Perú Posible«.

00:45. Man merkt, dass es keine wirklichen Neuigkeiten gibt. Highlight: Der Sohn von Luis Castañeda weint angesichts der Resultate. Gut, sein Vater liegt mit jämmerlichen zehn Prozent weit abgeschlagen. Ich bin mit keinem der Kandidaten verwandt, heulen möchte ich trotzdem. Ich hole eine Flasche Rotwein an den Schreibtisch – hilft ja alles nichts. Prost.

00:50. Ein neuer Tweet! Ich klicke ekstatisch herum. Aber es ist nur Neil Gaiman, der mir etwas über Batman erzählen will. Kurz darauf bittet Popstar Alejandro Sanz um einen guten Präsidenten für Peru. »An alle Peruaner, ich wünsche euch alles Gute für diese Wahlen«, twittert er. Salud, Alejandro, das ist echt lieb von dir.

00:55. Neue Zahlen aus den Provinzen! Teilweise, so die Hochrechnungen, hat Ollanta fast sechzig Prozent der Stimmen geholt. Ich schenke mir Wein nach.

01:00. »Gana Perú«, die Partei von Ollanta, will Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen beobachtet haben. Interessant, eigentlich haben sie es nicht nötig, darauf hinzuweisen … Währenddessen feiert Keikos Partei zu den Klängen einer Cumbia, einer Keiko-Cumbia natürlich. Die Wahllokale schließen ihre Pforten. Behaupte ich einfach mal.

01:05. Eine Tageszeitung aus Honduras teilt mir mit, dass Motagua 2:0 gegen Real España gewonnen hat. Ich wusste gar nicht, wem ich alles folge auf Twitter.

01:15. Eine neue Hochrechnung (58 % der Stimmen ausgezählt, twittert La República). Ollanta bei 31,8 %, Keiko bei 22,8 %, PPK bei 19,6 %, Toledo 15,5 %. Viel hat sich also nicht geändert im Vergleich zu den ersten Zahlen. »Das Ende der traditionellen Parteien?«, fragt die Zeitung. Ein Politologe soll dem spanischen Blatt »El País« gesagt haben: »Ollanta Humala ist wahltechnisch viel schwächer als vor fünf Jahren. Aber seine Rivalen sind es ebenfalls.« Humala sei lediglich gegen »andere Figuren ohne Ideen und Parteiorganisation« angetreten.

01:25. Die Ergebnisse sind noch nicht endgültig, sagt »Perú Posible« – ja, das würde ich an ihrer Stelle jetzt auch behaupten.

01:45. Motagua scheint wichtig zu sein: Die Tageszeitung aus Honduras wiederholt das Ergebnis der Partie. Laut neuer Hochrechnungen hat Ollanta in Arequipa 39,2 % geholt, Zweiter ist Kuczynski mit 30,6 %. Wenigstens ist Keiko hier offenbar mit 12,6 % ziemlich leer ausgegangen. Das ist ein Weinchen wert.

01:50. Fast siebzig Prozent ausgezählt im »conteo rápido«, und Pest vs. Cholera wird immer wahrscheinlicher: Ollanta 31,5 %, Keiko 23,7 %. In Cusco und Huancavelica scheint Ollanta seine besten Ergebnisse erzielt zu haben, er liegt in beiden Provinzen bei knapp 56,5 %. Toledo scheint sich nur in seiner Geburtsprovinz Ancash mit einem hauchdünnen Vorsprung gegen Ollanta durchgesetzt zu haben. Und auch in der Amazonasregion Loreto liegt er deutlich vorne.

02:00. Keine neuen Zahlen. Ich werde wohl austrinken und ins Bett gehen. Warum habe ich eigentlich keine Pizza zuhause?

02:05. Verwirrung aus Honduras. Plötzlich hat doch Real España gegen Motagua gewonnen. Hä? Ich stelle fest, dass das Spiel während der ersten Tweets noch lief und dass Motagua offenbar um den Abstieg spielt. Ja, alles ist angenehmer, als über Ollanta und Keiko nachzudenken.

02:10. Oh, Ergebnisse für den ebenfalls heute gewählten Kongress und das Andenparlament. In beiden Fällen haben die Parteien von Ollanta (»Gana Perú«) und Keiko (»Fuerza 2011«) die Nase vorne. Neue Zahlen aus Arequipa sehen Ollanta bei 44,9 %. Und ein Tweet befasst sich mit den erfolgreichsten Ex-Volleyballerinnen, die in den Kongress gewählt wurden. Nein, das liegt nicht am Alkohol, diesen Artikel gibt es wirklich. Gibt es das auch für Handballer? Ich werde nicht fündig.

02:15. Einkaufen erhöht die Lebenserwartung. Das ist doch mal ein Argument, Twitter.

02:20. Die Wahlnews dünnen sich aus. Ich gehe schlafen. Mal sehen, was die Statistik morgen früh sagt.

02:25. Chile kündigt an, dass ein Wahlsieg Ollantas ein kompliziertes Verhältnis zwischen Peru und seinem liebsten Nachbarland bedeuten wird. Yay. Um 20:00 Uhr peruanischer Zeit soll es offizielle Zahlen geben. Halte ich solange noch durch? Ich linse auf das leere Weinglas.

02.35. Die Zahlen verhärten sich, jetzt sind die Daten auf comparaya.pe da. 31,3 % für Ollanta, 23,2 % für Keiko, 18,7 % für PPK. Pest vs. Cholera, Krebs vs. Aids – das scheint endgültig sicher. Ob es dann am 5. Juni wieder eine Alle-gegen-Ollanta-Allianz gibt? Ist Keiko schon Präsidentin? Und ihr Papa schon auf freiem Fuß? Wird Toledo jetzt in Honduras Volleyball spielen? Ich weiß nur eines: Gute Nacht.