Obwohl es viel neue Abstrusitäten zu erzählen gäbe aus dem peruanischen Wahlkampf, oder auch Kleinigkeiten zu einem neuen Schreibprojekt, dreht sich der heutige Blogeintrag um ein ganz anderes Thema, weil es mich einfach sehr beschäftigt: der Fall der beiden in Ecuador ermordeten Argentinierinnen Marina Menegazzo und María José Coni. Durch die deutschen Medien ist der Fall kaum gegangen, soweit ich es mitbekommen habe, aber es findet sich z.B. ein Beitrag auf Latina-Press.

Marina und María José reisten gemeinsam, verschwanden und wurden einige Tage später tot am Strand von Montañita (Ecuador) aufgefunden, verschnürt in schwarzen Müllsäcken. Ein Gewaltverbrechen, die Täter sind wohl mittlerweile gefasst. Was den Fall aber über das eigentliche Verbrechen hinaus erschreckend macht, sind die Kommentare in Medien und sozialen Netzwerken: der typische Diskurs, die beiden Frauen seien doch im Prinzip selbst schuld an ihrem Schicksal, schließlich seien sie »allein« gereist. Die paraguayische Studentin Guadalupe Acosta hat den Diskurs in dem Text »Ayer me mataron« (Gestern haben sie mich getötet) zusammengefasst, geschrieben aus der fiktiven Perspektive eines Opfers, das die Fragen und Kommentare zum eigenen Tod reflektiert (Übersetzung von mir):

Wie warst du angezogen?
Warum warst du allein unterwegs?
Wie kann eine Frau nur ohne Begleitung reisen?
Du bist in ein gefährliches Viertel gegangen. Was hast du denn erwartet?

Sie stellten meine Eltern in Frage, weil sie mir Flügel gegeben haben, weil sie zugelassen haben, dass ich unabhängig bin wie jeder Mensch. Sie sagten ihnen, wir seien bestimmt unter Drogen gewesen und hätten es ja selbst herausgefordert. Dass wir etwas angestellt haben mussten. Dass sie uns im Blick hätten haben müssen.

Guadalupe Acosta, Ayer Me Mataron

Ich bin selbst allein durch Südamerika gereist. Oft und lange. »Allein« im neutralen Wortsinne, dass ich überhaupt keine Begleitung bei mir hatte; »allein« im Sinne des Machismo, dass ich einzig mit einer anderen Frau reiste. Mir ist nie etwas passiert, sieht man von dem legendären Diebstahl eines Rucksacks voll extrem dreckiger Wäsche in Lima einmal ab. Wirklich, das Schlimmste, was mir in Südamerika jemals zugestoßen ist, war der Rottweiler, der sich in meinem Unterschenkel verbiss, und das geschah inmitten einer Barbecue-Gesellschaft, als ich alles andere als »allein« war. Aber für sich genommen ist mir nie etwas geschehen, und schon gar nicht deshalb, weil ich »allein« reiste. Meine Dreckwäsche hätte man mir auch dann gestohlen, wenn ein Mann mit mir am Tisch gesessen hätte. Der Rottweiler biss nach mir auch gleich noch sein Herrchen.

Sicher mag auch Glück im Spiel sein, dass ich noch nie ins falsche Taxi gestiegen bin, dass ich nur ganz selten von Taschendieben ins Visier genommen wurde. Und sicher gibt es Verhalten, das kriminelle Übergriffe erleichtert, weil die Täter es dann einfacher haben. Aber nur weil ich nachts nicht durch die dunklen Seitenstraßen Arequipas nach Hause laufe, heißt das nicht, dass ich die Schuld trage, wenn ich es doch tue und mir etwas zustößt. Und schon gar nicht trägt eine Frau die Schuld, wenn sie ohne einen Mann reist.

»Sie reisten nicht allein«, schreiben jetzt immer mehr Leute in den sozialen Netzwerken, »sie reisten gemeinsam.« Und genau das ist es.
Wieso waren sie »allein«, wenn sie doch zu zweit waren? Und selbst, wenn sie ohne männliche Begleitung »allein« waren, warum hätten sie so nicht reisen sollen?

Die Dynamik in der Berichterstattung und den Kommentaren zum Fall der »chicas mendocinas« (»Mädchen aus Mendoza«, wie sie in den argentinischen Medien genannt werden) ist natürlich keine Neuheit, und sie ist auch keine lateinamerikanische Besonderheit, ebenso wenig, wie es Verbrechen und besonders Gewalt gegen Frauen selbst sind. In einer Kolumne der argentinischen Tageszeitung Página12 führt die Journalistin Mariana Carbajal — spezialisiert auf Themen rund um Genderfragen und Gewalt gegen Frauen — diese Art des Diskurses zum Teil aber dennoch auf spezifische lateinamerikanische Gegebenheiten zurück:

»Diese Art zu denken, welche die letzte Militärdiktatur im Angesicht des Verschwindens so vieler Leute und der Verbrechen durch den staatlichen Terrorismus durchzusetzen suchte: »irgendeinen Grund wird es schon haben«, »etwas werden sie schon angestellt haben«.

Mariana Carbajal, La culpa de las víctimas

Ein Denken, das dann zusammenfällt mit dem Machismo, der in Südamerika, soweit ich es selbst erlebt habe, eben noch präsenter, selbstverständlicher und auf seine Weise salonfähiger ist als beispielsweise in Europa (wo er, machen wir uns nichts vor, dennoch ein Problem bleibt). Zuweilen ist es auch ein von Frauen selbst angenommener und weitergetragener Machismo. Oder einer, der subtil und beinahe besorgt daherkommt, sodass man ihn — weil Häme und Überheblichkeit fehlen — nicht auf Anhieb als solchen erkennt. Aber er ist am Werk, wenn gesagt wird: Sie sind selbst schuld. Sie reisten »allein«.

Umso erleichternder, dass sich in den sozialen Netzwerken immer mehr Gegenstimmen regen, dass ein Bewusstsein existiert und weiter geschaffen wird. Auf Twitter findet sich Entsprechendes unter den Hashtags #ViajoSola (»Ich reise allein«) und #NiUnaMenos (»Nicht eine weniger«, ein Slogan, der als Gegengewicht zur Parole »Ni una más«, »nicht eine mehr«, geschaffen wurde und darauf abzielt, die Perspektive von den Opfern auf die Lebenden zu lenken, die keine Opfer werden sollen). Es bleibt viel zu tun. Aber zumindest Guadalupe Acosta lässt ihren offenen Brief hoffnungsvoll enden:

Wir werden kämpfen, ich an deiner Seite, geistig, und ich verspreche dir, dass wir eines Tages so viele sein werden, dass es nicht genug Müllsäcke geben wird, um uns alle zum Schweigen zu bringen.

Guadalupe Acosta, Ayer Me Mataron

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Quellen:

Latina-Press: »Ecuador: Zwei Rucksack-Touristinnen aus Argentinien tot aufgefunden«, 29. Februar 2016
La República: »Asesino de turistas argentinas confesó el crimen«, 29. Februar 2016
Mariana Carbajal: »La culpa de las víctimas«, Página12, 29. Februar 2016
Guadalupe Acosta: »Ayer me mataron«, Facebook-Post, 1. März 2016
Perú 21: »Facebook: ›Ayer me mataron‹, la carta para crear conciencia sobre las dos turistas asesinadas en Ecuador«, 1. März 2016
Perú21: »No viajaban ›solas‹, así responden en redes a asesinatos de turistas argentinas«, 5. März 2016