Vor fünf Jahren, als Perú zuletzt einen Präsidenten wählte, habe ich zumindest in der Endphase darüber berichtet. Mal sehen, ob ich das dieses Jahr etwas umfassender hinbekomme und es schaffe, einige der Kandidaten genauer vorzustellen. Die Wahl findet am 10. April statt, wichtig zu wissen ist, dass in Perú Wahlpflicht herrscht (das heißt, wer nicht wählen geht, zahlt eine Strafe). Wichtig zu wissen ist auch: Sollte ich jemals eine Politsatire schreiben, werde ich mich guten Gewissens aus dem derzeitigen peruanischen Wahlkampf bedienen können, der mir in dieser Hinsicht täglich Inspiration frei Haus liefert.

Kostprobe gefällig? Im Grunde reicht ja schon ein erster Blick auf die Kandidatenliste mit den zahlreichen vertrauten Gesichtern. Da kandidieren nicht nur solche, die schon mal kandidiert haben, sondern auch solche, die zusätzlich schon mal Präsident waren: Alejandro Toledo und Alan García (der 2009 über Bewohner der Provinz Amazonas sagte, das seien »keine Bürger erster Klasse« und mithin keine Peruaner). Dann ist da Keiko Fujimori, die Tochter des Ex-Präsidenten Alberto Fujimori. Zur Erinnerung: Er ist 2009 wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu 25 Jahren Haft verurteilt worden. Keiko, die auch 2011 schon ins Rennen ging, führt die Umfragen derzeit an. Ebenfalls 2011 schon dabei war »PPK«, Pedro Pablo Kuczynski. Dazu kommen mehr oder weniger neue Gesichter: César Acuña, u.a. ehemaliger Bürgermeister der nordperuanischen Stadt Trujillo, der Wirtschaftswissenschafter Julio Guzmán oder Verónika Mendoza als Kandidatin des eher linksgerichteten Bündnisses »Frente Amplio«.

Ein Buch, zwei Autoren? — Die Plagiatsvorwürfe gegen Acuña

Ein Cast also, der (zumindest vom Unterhaltungspotenzial der Medienlandschaft her) Großes verspricht, und die Meldungen lassen nicht auf sich warten. Schlagworte dieser Kampagne? Korruption und Plagiat. Weniger, weil sich alle Kandidaten den Kampf dagegen auf die Fahnen geschrieben hätten, sondern eher, weil mehrere von ihnen genau deswegen angeklagt werden. Paradebeispiel César Acuña, der nicht nur in seiner Doktorarbeit plagiiert haben soll. Mittlerweile wurde bekannt, dass er an der Universidad César Vallejo, wo er auch als Dozent tätig war, 2001 ein Buch mit dem Titel »Política Educativa« (»Bildungspolitik«) herausgegeben hat. Pikant daran? Das gleiche Buch ist schon 1999 erschienen. Gleiche Universität. Gleicher Verlag. Nur ein anderer Autor: Otoniel Alvarado. In Acuñas Version findet sich wohl lediglich ein zusätzliches Kapitel plus ein leicht verändertes Vorwort.

Alvarado habe ihn damals gebeten, Co-Autor seines Werks zu sein, erklärte Acuña Anfang Februar in einer Pressekonferenz, und es seien jeweils 1.000 Exemplare unter Alvarados und unter Acuñas Namen veröffentlicht worden. Als Beleg weist er ein Schriftstück der Universität vor; schuldig bleibt er verschiedene Antworten: Etwa, warum er nicht schon in der ursprünglichen Publikation als Co-Autor aufgeführt ist, oder warum der Dozent Alvarado hartnäckig behauptet, das Werk keineswegs mit Acuña gemeinsam verfasst zu haben. Mittlerweile erhält Otoniel Alvarado nach eigener Aussage anonyme Telefondrohungen und infolgedessen Polizeischutz. Ein Sahnehäubchen: César Acuña fungierte bis vor kurzem als Gesicht einer Werbekampagne der Universidad César Vallejo — Motto: »Die Bildung kommt an erster Stelle«.

Julio Guzmán: Formfehler und noch ein Plagiat?

Das JNE (»Jurado Nacional de Elecciones«, das nationale Wahlgericht) prüft derzeit, ob Acuña Kandidat bleiben kann. Selbiges tut es mit Julio Guzmán, dem aber vor allem Formfehler bei der Einschreibung seiner Kandidatur angelastet werden. Übrigens musste sich auch Guzmán kürzlich Plagiatsvorwürfe gefallen lassen, und zwar aus Übersee: Mitglieder der spanischen Partei »Podemos« äußerten, Farbwahl, Slogans und Typographie der Guzmán-Kampagne erinnerten doch sehr an ihre eigene (nur ihre Inhalte habe man leider nicht kopiert, fügte man augenzwinkernd hinzu). In den jüngsten Umfragen hat sich Guzmán übrigens den zweiten Platz hinter Keiko gesichert — fänden die Wahlen morgen statt, würde er damit in die Stichwahl ums Präsidentenamt einziehen.

Von Meerschweinchen und französischen Phrasen

Währenddessen lässt Pedro Pablo Kuczynski sein Maskottchen, das Meerschwein »PPKuy« (cuy ist im peruanischen Spanisch das Meerschweinchen) die Hochzeit mit der »PPKuya« feiern, und Alan García verspricht auf einer Wahlkampfveranstaltung in Arequipa großmundig Bauprojekte, die schon längst in Arbeit sind.

Wie man es besser macht und zumindest die Herzen der Internetgemeinde gewinnt, bewies die in den Umfragen bei mageren zwei Prozent dümpelnde Verónika Mendoza in einem Fernsehinterview. Der Journalist Aldo Mariátegui begrüßte sie da mit breitem Grinsen auf Französisch — ein Seitenhieb darauf, dass Mendoza dank ihrer französischen Mutter die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt (Pedro Pablo Kuczynski, der erst im November 2015 den Verzicht auf seine US-amerikanische Staatsbürgerschaft bekanntgab, weiß von der Brisanz dieses Themas ein Lied zu singen). Mendoza verzog jedenfalls keine Miene, sondern konterte — und grüßte den Journalisten auf Quechua: »Allinllachu kachkanki, Aldo …« Woraufhin sich Mariátegui kleinlaut geschlagen geben musste. Quechua sei leider nicht seine Stärke, gab er zu.

Anekdotenstark und inhaltsleer

Jenseits all dieser Anekdoten zeigt der peruanische Wahlkampf aber wieder einmal besonders eins: Es wird in erster Linie über die Kandidaten und ihre Handlungen debattiert, politische Inhalte kommen zumindest im Diskurs der Medien reichlich kurz. 2011 war das nicht viel anders. Vor kurzem habe ich eine Art peruanischen Wahl-O-Mat durchgespielt —und aus dem Programm in erster Linie die Erkenntnis mitgenommen, dass vor allem einige der »großen« Kandidaten die vorgelegten Fragen nicht beantwortet haben. Dass sie sich in ihren Wahlprogrammen dennoch dazu positioniert haben mögen, ist eine andere Sache – und ebenso steht wohl außer Frage, dass gerade Acuñas Plagiatsgeschichte seine politische Glaubwürdigkeit enorm untergräbt und in jedem Fall thematisiert werden muss. Aber insgesamt scheint es in den Wahlkampfdebatten so gut wie nie darum zu gehen, was denn konkret in den politischen Programmen der Kandidaten und Parteien steht. Amüsante bis peinliche Anekdoten sowie vergangene bis gegenwärtige Fehltritte bestimmen da viel stärker das Bild.

Ich werde in den nächsten Wochen mal versuchen, zumindest ein paar der Kandidaten, aber auch Medien und soziale Netzwerke genauer unter die Lupe zu nehmen. Eins ist jedenfalls sicher: Bis zum 10. April kann sich noch ziemlich viel tun.

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Quellen:

El Comercio, 15. November 2015: »Pedro Pablo Kuczynski renunció a la nacionalidad estadounidense«
La República, 22. Januar 2016: »Alan García promete obras para Arequipa que ya están en marcha«
Perú21, 31. Januar 2016: »La campaña electoral se puso rara: PPKuy, la mascota de PPK, se casó con la PPKuya«
La República, 05. Februar 2016: »César Acuña es investigado por Indecopi tras denuncia de plagio a libro«
La República, 05. Februar 2016: »Si ser coautor de un libro es malo, pido disculpas«
La Mula, 07. Februar 2016: »Aldo Mariátegui quiso ‚trolear‘ a Verónika Mendoza hablando en francés y así terminó«
El Comercio, 10. Februar 2016: »Documentos explican por qué peligra candidatura de Julio Guzmán«
RPP, 10. Februar 2016: »Policía pondrá resguardo a Otoniel Alvarado tras denuncia contra Acuña«
Utero.pe, 12. Februar 2016: »El fin de la telenovela Julio Guzmán — Podemos«

Bildnachweis: Elfenstaub/Pixabay
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Frühere (Blog)artikel:
Die Qual der Wahl: Peru wählt (9. April 2011)
Perus Ex-Präsident Fujimori wird nicht begnadigt (7. Juni 2013)
Gedenken an Bagua: Peru und das Erdöl des Amazonas (Juni 2010, auf Suite101.de)