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buch zu »Der Schirokko«, heißt es in einem italienischen Lied, »ist ein Wind voller Sand, der Schirokko ist ein Wind voller Zorn.«

Der Schirokko ist vor allem ein Wind, den ich immer gemocht habe, wahrscheinlich einfach, weil sein Name nach den Geschichten klingt, die er mit sich tragen könnte. Und so erscheint es rückblickend nicht einmal überraschend, dass es der Schirokko war, der mich Anfang 2015 einmal durch die Luft wirbelte und dann auf eine einsame Insel trug, auf der ich dann zwölf Monate festsaß. Ohne Schirokko. Ohne Lust, ein seetüchtiges Boot zu bauen. 2015 war mein Jahr ohne Wind unter den Schwingen, ein Jahr von Stillstand und Flaute.
Und trotzdem war 2015 genau so, wie es sein musste. Weil eben auch Stillstand manchmal lehrreich ist.

Würde ich behaupten, dass ich 2015 im Griff einer gewaltigen Schreibblockade verbracht habe, würde das einerseits stimmen und der Sache andererseits nicht gerecht werden. Geschrieben habe ich im vergangenen Jahr nämlich durchaus, und gar nicht wenig. Nur waren das Spaßprojekte für die Schublade, bei denen fremde Figuren quasi als Urlaubsvertretung meiner eigenen einsprangen, die mit mir als Autorin in jenem Jahr offenbar so gar nichts anzufangen wussten. Um bei dem Bild von Wind und Flaute zu bleiben: Ich habe mir 2015 kein eigenes Schiff gezimmert, sondern war auf geklauten Kähnen im flachen Wasser unterwegs.

Vom Wind mitten in die Schreibflaute getragen

Sol2 Eine solche Windstille kann uns Schreibende jederzeit treffen. Und wie man auf einem Segelschiff nur warten kann, bis der Wind wieder auffrischt, lässt sich eine Schreibflaute meist ebenfalls nur geduldig aussitzen. Es gibt kein Patentrezept dagegen. Vielleicht deshalb, weil es zu viele verschiedene Gründe gibt, die uns den Wind in den Segeln ersterben lassen können.

Bei mir kam diesbezüglich einiges zusammen. Ironischerweise war es Anfang des Jahres die Angst vor genau diesem Stillstand, die mich antrieb, der unbedingte Wunsch, der Flaute zu entgehen, durch den ich letztlich mitten in der Windstille landete.

Begonnen hatte das Jahr für mich mit dem Gefühl eines herben Rückschlags: Meine Agentur schloss ihre Pforten, eine neue musste gesucht werden. Für mich fühlte es sich an, als hätte ich mein Dach über dem Kopf verloren. In der ersten Zeit hat mich das tatsächlich mehrfach zum Weinen gebracht. Besser wurde es mit dem Schirokko, weniger kryptisch mit einem Lied, das trostspendend aus dem Nichts auftauchte. Ich hörte es in der Endlosschleife und spürte Tatendrang.

Ich hatte das Gefühl, gerade jetzt eine Agentur zu brauchen, nahtlos weitermachen zu müssen, als würde es den Bruch in meiner Arbeitsumgebung gar nicht geben. Da gab es zaghaftes Verlagsinteresse für realistische Stoffe einerseits, meine persönlichen Hoffnungen für phantastische Projekte andererseits. Also machte ich mir Gedanken, fragte mein Bauchgefühl und brachte meine Bewerbungen auf den Weg. Auf den richtigen, dachte ich mir, schließlich hatte ich den Schirokko, und der würde mich schon tragen, nicht wahr? Er setzte mich dann auch an einem schönen Ort ab ab, wo ich festen Boden unter den Füßen bekam. Nur war das eben eine Insel. Und dann kam die Flaute, und ich saß fest — oder fühlte mich jedenfalls so.

Fleißig wie Robinson Crusoe

Imagen 345 Windstille, weil nichts voranging und alle meine Romanfiguren schwiegen. Meine Spaßprojekte haben mich im letzten Jahr gerettet. Und mir auch gestattet, zu sehen, dass sich abseits der schlaffen Segel doch einiges abspielte in diesem Jahr, nur eben an anderen Schauplätzen: Ich habe meine Masterarbeit fertiggeschrieben und mein Studium abgeschlossen, ich war drei Monate in Peru und sammelte Inspirationsfünkchen, ich stellte mich einem unüberwindbar wirkenden Berg von Formularen und besiegte sie, um mich als Texterin und Übersetzerin selbständig zu machen.
Als ich als Kind das erste Mal »Robinson Crusoe« las, fand ich es faszinierend, was der Kerl auf seiner einsamen Insel alles zu tun fand. Er kam zwar nicht von der Insel fort, aber gelernt hat er dort eine ganze Menge. 2015 war mein Robinson-Crusoe-Jahr.

Stillstand ist eine gute Gelegenheit, um Dinge zu lernen. Ich habe 2015 eine ganze Menge über mich und mein Schreiben gelernt. Nicht in erster Linie handwerklich, sondern vor allem im Hinblick auf umfassendere Fragen: Was möchte ich eigentlich erzählen? Was macht meine Geschichten aus? Wo will ich hin, wie will ich dafür arbeiten — und wie will ich es nicht? Wo liegen meine Prioritäten? Worauf kann ich verzichten, und was brauche ich zum Atmen?

Vielleicht hätte ich die Antworten darauf auch mit geblähten Segeln auf hoher See gefunden, mitten im Schreibfluss und ertrinkend in neuen Ideen. Vielleicht auch nicht. 2015 war das Jahr, das mir nicht nur all diese Fragen mitbrachte, sondern mich auch dazu zwang, mir über die Antworten Gedanken zu machen. Und erst, als ich meine Antworten hatte, konnte ich Entscheidungen treffen. Ohne Schirokko, ohne Sand und Zorn. Aber als ich sie getroffen hatte, kam endlich wieder der Wind auf und holte mich ab.

»Sobald der Wind wieder weht …«

2016 - weiter geht's!

2016 – weiter geht’s!

Nicht jede Flaute fühlt sich rückblickend gut an. Oft überwiegt wahrscheinlich die Erleichterung darüber, dass der Wind einen wieder trägt und einem Geschichten mitbringt. Wie erleichtert ich war, als ich Ende 2015 endlich wieder Wind unter den Schwingen bekam, kann ich gar nicht in Worte fassen. Aber während die Windstille mit Tränen begonnen hatte, endete sie mit einem Lachen — weil mir nämlich bewusst wurde, dass genau das passiert war, wovor ich ein Jahr zuvor so furchtbare Angst gehabt hatte. Stillstand. Ich war in diesem ganzen Jahr äußerlich keinen Schritt weitergekommen. Ich befand mich genau da, wo ich zwölf Monate zuvor schon gewesen war. Mit dem einen entscheidenden Unterschied, dass es diesmal in Ordnung war, und deshalb konnte ich auch darüber lachen (und kann es noch immer).
Ich weiß nicht, ob ich dankbar für die Flaute selbst bin, aber ich bin dankbar für die Fragen, die ich dank ihr begrübeln konnte, und vor allem für das Gefühl, auf sie zurückzublicken, ohne dass es sich nach verlorener Zeit oder Schönrednerei anfühlt.

Jede Flaute endet. Vergesst das nie, wenn ihr auf eurer windstillen Insel festsitzt. Dass manche Dinge einfach ihre Zeit brauchen, klingt nach einer Binsenweisheit, aber gerade in denen steckt manchmal die meiste Wahrheit.

Um die Geschichte mit den richtigen Bildern zu Ende zu erzählen: Der Wind hat mich wirklich abgeholt. Ende 2015 stolperte ich über ein neues Windlied, ohne Schirokko, dafür voller Aufbruchsstimmung und Augenzwinkern.

scirocco renaud

Übrigens habe ich beim Schreiben dieses Beitrags erstmals beide Lieder abwechselnd in der Endlosschleife gehört, und dabei ist mir aufgefallen, dass sie beide exakt gleich lang sind. Zufall? Schicksal? Gutes Omen? Keine Ahnung — aber eine gute Geschichte ist es allemal. In diesem Sinne: »Sobald der Wind weht, werde ich wieder aufbrechen, sobald die Winde sich drehen, machen wir uns auf!«