Heute Abend ging ein Aufschrei durch meine Facebook-Kontakte, und als Berlinerin zuckte ich natürlich zusammen, als ich die Überschrift las: »Berlin verbietet Weihnachten!«
Empörung allerorten. Ich klickte auf den Link – und starrte erst einmal auf das Titelbild einer Berliner Tageszeitung, die ich freundlich formuliert eher dem Boulevardsegment zuordnen und nicht gerade als Beispiel für sachliche Berichterstattung heranziehen würde.

Hilfe! Berlin will Weihnachten verbieten?

In mehreren Blogartikeln mit ähnlich reißerischen Überschriften wurde dann auch immer wieder Bezug auf die Titelstory dieser Zeitung genommen. Und auf nichts sonst. Kreuzberg verbanne Weihnachten von öffentlichen Plätzen, hieß es, da religiöse Feiern generell nicht mehr in der Öffentlichkeit erlaubt seien. Außerdem war von einem angeblichen »Medaillen-Verbot« die Rede, das bewirke, dass religiösen Menschen keine Auszeichnung für ihr Engagement mehr zuerkannt werde.

Also gut, dachte ich mir, das ist deren Version– gucken wir mal, was woanders steht. In vielleicht seriöseren Quellen. Beispielsweise gibt es einen recht differenzierten Artikel im Tagesspiegel vom 20.08.2013. (Nach dem Fertigstellen dieses Blog-Eintrags stieß ich außerdem noch auf einen ganz guten TAZ-Artikel.)

Wer gläubig ist, bekommt keine Medaille?

Dann guckte ich auf die Seite des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Ein Thema von solcher Bedeutung, dachte ich mir, muss doch eine eigene Pressemitteilung bekommen haben.

Hat es aber nicht. Es gibt allerdings eine Pressemitteilung und Richtigstellung zu dem vermeintlichen Medaillen-Verbot. Dort steht zum Beispiel:

»Selbstverständlich können auch religiöse Menschen mit der Bezirksmedaille geehrt werden. Einziges Kriterium für die Auszeichnung ist, dass sie sich im ehrenamtlichen Engagement um Friedrichshain-Kreuzberg und seine Bewohnerinnen und Bewohner besonders verdient gemacht haben. Dies kann in allen möglichen Bereichen geschehen, wie zum Beispiel Jugend und Familie, Soziales, Kultur, Sport, Bildung und vielem anderen mehr.

Kriterium soll dagegen nicht sein, sich um eine bestimmte Religion besonders verdient gemacht zu haben. Welche Religion besonders auszeichnungswürdig ist, kann nicht Gegenstand der Beratung für die Verleihung einer Bezirksmedaille sein. Es würde gegen die gebotene staatliche Neutralität gegenüber Weltanschauungen verstoßen. (…).«

Hingegen »spielt es keine Rolle, worin dieses besondere Engagement seine Motivation findet, ob aus einem Glauben heraus oder aus anderen Gründen«.

Viel Lärm um Nichts? Was steckt hinter dem Weihnachtsverbot?

Mit anderen Worten: Das oben behauptete Medaillen-Verbot ist Nonsense. Es existiert nicht. Es geht lediglich darum, dass rein religiöses Engagement, das im Rahmen religiöser Einrichtungen bleibt, nicht vom Staat ausgezeichnet werden soll. Und daran finde ich nichts Verwerfliches.

Was hat es nun mit dem Weihnachtsverbot auf sich? Im Tagesspiegel heißt es hierzu:

»Fest steht, dass im August ein Fest anlässlich des muslimischen Fastenmonats am Mehringplatz in Kreuzberg nicht „Ramadan-Fest“ hieß, sondern Sommerfest. Ein Weihnachtsmarkt am Spreewaldplatz trug den Namen Winterfest. Angeblich weil auf öffentlichem Grund auf Anweisung des Bezirksamts Religion keinen Platz habe, sagte Timur Husein, Bezirksverordneter der CDU, der für das Ramadan-Fest im Planungsausschuss saß.«

An diesem Absatz lassen mich zweierlei Sachen aufhorchen. Erstens: Wenn ein Weihnachtsmarkt unter dem Namen »Winterfest« stattfinden darf, dann geht es hier in erster Linie um Begrifflichkeiten. Nicht um ein Verbot des Inhalts.
Und zweitens: Wenn es bereits ein solches Fest gegeben hat, kann auch die Debatte nicht ganz so frisch sein, wie die BZ es uns glauben lassen mag. Ich rieche, rieche Sommerloch-Gemoschel. Empört euch, denn sonst gibt es gerade nichts zu tun.

Und weiterhin schreibt der Tagesspiegel:

»Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) stellt daher klar: „Ich kenne keinen Beschluss, der es Veranstaltern verbieten würde, ihren Festen religiöse Namen zu geben.“ Bei der heterogenen Bevölkerung wäre es ihrer Meinung nach abwegig, religiöse Gruppen so zu diskriminieren. Einige Veranstalter verzichteten aber auf religiöse Bezeichnungen, um zu zeigen, dass das Fest für Bürger jeden Glaubens und auch solche ohne Glauben offenstehe.«

Es ist kein Beschluss auffindbar, der religiöse Feste verbietet

Ich kehre auf die Seite des Bezirksamtes zurück. Wenn es keine Pressemitteilungen gibt, dann vielleicht einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung? Die lässt sich per Schlagwort durchsuchen. Ich suche »religiös« in den Drucksachen und Tagesordnungspunkten der letzten zwölf Monate. Fehlanzeige. Dann probiere ich es mit »Ramadan« und starre fassungslos, denn da steht es schwarz auf weiß: »Verbot von Weihnachtsfesten und Ramadanfesten auf öffentlichen Plätzen«!

Also doch? Aber als ich es anklicke, ist es kein Beschluss der Versammlung. Es ist die mündliche Anfrage eines CDU-Abgeordneten zu jenem ominösen Verbot, von dem ich noch immer nicht weiß, wo es stehen soll. Denn darauf nimmt auch er keinen Bezug.

Was ist nun letztendlich dran an dem Verbot? Wie mir scheint, sehr wenig. Die Informationen, die ich als handfest und aussagekräftig anerkenne, sind dürftig. Ich kann nicht nachvollziehen, auf welchem Beschluss des Bezirksamtes das beruhen soll. Alles, was ich sehe, ist, dass in einem Bezirk meiner Stadt, der multireligiös geprägt ist, eine Debatte über mögliche Formen eines respektvollen Miteinanders geführt wird. Dass offenbar generell die Frage nach Religion im öffentlichen Raum gestellt wird und dass der Gedanke da ist, eine Gleichberechtigung zu schaffen. Warum ich letzteres – als Gedanken, unabhängig von seinen Formen der Umsetzung – gut finde, darüber schreibe ich ein andermal, denn das wird eine Abhandlung für sich. Gegenwärtig scheint mir lediglich greifbar, dass es die Überlegung gibt, für religiöse Feiern aller Art einen zentralen öffentlichen Platz im Bezirk zu schaffen, und wie die Medaillengeschichte finde ich auch das nicht per se böse und verwerflich.

Die Macht des Internets und der Empörung

Warum habe ich jetzt mehrere Seiten zu diesem Thema geschrieben? Weil ich Berlinerin bin? Weil ich Kulturanthropologin bin? Weil ich Religionswissenschaftlerin bin?

Vielleicht. Aber vor allem auch, weil ich – auf der Grundlage all dessen, was ich bin – gelernt habe, kritisch mit Quellen umzugehen und sie zu hinterfragen. Was mich heute Abend erschüttert hat, war nicht die Schlagzeile »Berlin verbietet Weihnachten!« Da war mir eigentlich auf den ersten Blick klar, dass das ein Satz ist, den man abkühlen lassen und dann schälen muss, um herauszufinden, worum es im Kern geht.

Nein, was mich erschüttert hat, war, mit welcher Sorglosigkeit bisweilen solche Schlagzeilen geteilt werden, wie unreflektiert die Informationen eines so ärgerlichen Erzeugnisses wie der BZ weitergegeben werden, wie schnell die Empörung über angebliche Tatsachen aufbrandet. Ein Klick, und die Stammtischparolen sind geteilt.

Denkt mit! Fragt nach!

Wie wäre es mit einem Klick, um eine Suchmaschine zu öffnen und kurz zu recherchieren? Sich zu fragen: Welche seriösen Medien haben noch darüber berichtet? Wie sieht die offizielle Darstellung zuständiger Einrichtungen aus?

Es ist heute dank Internet leichter denn je, auf verschiedene Quellen zurückzugreifen, Debatten zu verfolgen und kritisch zu hinterfragen. Das heißt noch lange nicht, dass es auch bequem ist. Es braucht natürlich mehr Aufwand als den einen Klick, der die reißerische Meldung bei Facebook teilt. Und Empörung ist ein starker Motor, das weiß ich auch aus eigener Erfahrung.

Doch gerade, wenn wir etwas lesen, das uns so unglaublich erscheint, dass es uns empört, sollten wir innehalten und uns die Mühe machen, es zu überprüfen. Dieser Klick, mit dem wir etwas teilen, ist so schnell gemacht, dass wir gern vergessen, dass wir damit auch eine gewisse Verantwortung übernehmen für das, was wir da verbreiten. Und je weiter vage, vermeintliche Informationen verteilt werden, desto schneller und stärker setzt das »Stille-Post«-Prinzip ein, und am Ende werden nur noch Gerüchte weitergegeben – keine Substanz, aber die Empörung wächst.

Zu komplex für eine Boulevardzeitung

Das Thema, um das es im Kern eigentlich geht, wirft unendlich viele Fragen auf. Es geht um Traditionen und ihren Wert. Es geht um Religion und Staat. Um Identität und Selbstverständnis. Es geht darum, wie Religion im öffentlichen Raum präsent sein darf. Und es geht auch um Macht. Respekt. Orientalismus. Rassismus. Das sind mitnichten Worthülsen, es sind vielschichtige Themen, die ich in diesem Blogeintrag nicht auch noch diskutieren und analysieren kann – und dies ist somit explizit keine inhaltliche Stellungnahme zu der Frage, was denn wäre, wenn jemand Weihnachten in Deutschland verbieten würde.

Aber es ist ein Appell. Unsere Zeit ist beherrscht von brisanten Themen. Soziale Plattformen schaffen neue Räume für Kommunikation und Informationsverteilung. Bitte, macht euch die Mühe, seht zweimal hin. Geht den Dingen auf den Grund. Stellt Fragen. Reflektiert und vergleicht.

Und wenn ihr es genau wisst und sicher seid, dass es das wert ist: Empört euch. Na klar! Aber bitte nicht vorher.

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Quellen:

»Berlin verbietet Weihnachten«, mmnews.de

»Berlin verbietet Weihnachten 2013«, Index Expurgatorios

»Winterfest statt Weihnachtsmarkt? Religionsfest in Kreuzberg«, Tagesspiegel vom 20.08.2013

Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg: Pressemitteilung zur Bezirksmedaille

Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg: Drucksache – DS/0819/IV  

BZ-Titelseite

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[NACHTRAG] Tanja Rast hat mich noch auf diesen Artikel vom Humanistischen Pressedienst hingewiesen, in dem auch die Antworten des Stadtrates auf die in meinem Beitrag erwähnte Anfrage des CDU-Abgeordneten Timur Husein aufgeführt werden. Lesenswert hier u.a. der Passus: »Um generell niemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen und die weltanschauliche Neutralität des Staates zu gewährleisten wurde 2008 vom Bezirksamt entschieden, keinerlei Veranstaltungen auf öffentlichen Plätzen zu genehmigen, die vorrangig der religiösen Selbstdarstellung dienen.« 2008. Alles klar?

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