Nachdem es hier in den letzten Wochen vorrangig ums Schreiben gegangen ist, soll demnächst auch wieder ein wenig mehr in Bezug auf Perú und die Anden hier im Blog passieren. Dazu habe ich mir überlegt, dass vielleicht ein Blick in meine Studieninhalte interessant sein könnte – denn für eine ausführliche Analyse derzeitig aktueller Themen in der peruanischen Politik fehlt mir momentan ein wenig die Zeit, obwohl es da schon etwas gibt, was ich gern näher beleuchten möchte. Doch zunächst soll es um etwas anderes gehen.

IMG_8468 Dass ich Altamerikanistik (und Ethnologie) studiere, ist ja nun alles andere als ein Geheimnis, ebenso wie der Fakt, dass es mir unglaublich viel Spaß macht. Auch in diesem Semester habe ich wieder Kurse, in denen ich sitze und das Empfinden habe, wie der sprichwörtliche Schwamm alles aufsaugen zu können. Gleich zwei dieser Kurse beschäftigen sich mit ethnohistorischen Ansätzen, im vergangenen Jahr hatte ich auch schon einen in dieser Richtung – und ich bin begeistert.
Allerdings, wenn ich stolz verkünde, dass ich Ethnohistorie unglaublich spannend finde, ernte ich meistens ähnlich verwirrte Blicke, wie wenn ich das Wort Altamerikanistik an sich fallen lasse. Deswegen ist der heutige Blogeintrag der Ethnohistorie gewidmet.

Was das eigentlich ist, das habe ich mir lange Zeit eher intuitiv zusammengereimt: Eine Art disziplinäres Crossover aus Ethnologie und Geschichtswissenschaft, das zusammenbringt, was normalerweise eher getrennt gehandhabt wird. Einerseits, als Beitrag der Geschichtswissenschaft, die Arbeit mit historischen Quellen aller Art, die Verortung einer Gesellschaft (oder einzelner Akteure) in historischer Tiefe – mit dem Zugeständnis, dass sich diese Akteure über die Zeit auch verändert haben.
Und andererseits, vonseiten der Ethnologie, der Fokus auf solche Akteure, die in der herkömmlichen Geschichtsschreibung eher selten eine Stimme haben, und die Berücksichtigung bestimmter kultureller Eigenschaften – beispielsweise spezifischer Konzepte von Zeit und Geschichte.

Und im Prinzip ist Ethnohistorie genau das.

Titicaca Dass Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird, ist ein geflügeltes Wort. In Bezug auf Lateinamerika und die Kolonialisierung wird das besonders deutlich. Wenn sich die Geschichtswissenschaft mit kolonialen Ereignissen beschäftigt, tut sie es vor allem aus der Sicht der Europäer, der Eroberer, kurz derjenigen, welche in den Machthierarchien oben standen.

Ethnohistorie, wie sie in meinen Kursen behandelt wird, geht als spezifisch lateinamerikanischer Ansatz genau auf diesen kritischen Punkt zurück. Sie kam in den 50er Jahren in Peru und in Mexiko auf, also im Andenraum und in Mesoamerika – genau dort, wo einst die Eroberungen von Inka- und Aztekenreich den Grundstein für die Kolonialisierung des Kontinents und für tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen (mal vorsichtig ausgedrückt) legten. Dass der mexikanische Anthropologe Miguel León-Portilla 1959 ein Buch mit dem Titel »La Visión de los Vencidos«, die Vision der Besiegten, veröffentlicht, ist kein Zufall: Der Ethnohistorie geht es eben auch um die Geschichte derer, die nicht die Sieger sind.

In Peru gehören zu ihren Begründern und Vertretern Namen wie Luis E. Valcárcel, John Murra und Franklin Pease – für mich im Grunde alles alte Bekannte. Insbesondere während meines Auslandsstudiums in Arequipa sind diese Namen immer wieder gefallen.

Imagen 273 Die besondere Ironie an der Ethnohistorie ist dabei sicherlich, dass sie ursprünglich als eine Art Übergangslösung gedacht war, die gar nicht dauerhaft Bestand haben sollte. Man ging davon aus, dass Ethnologie (bzw. Kulturanthropologie) und Geschichtswissenschaft auf lange Sicht eben jene enge Zusammenarbeit auf Augenhöhe entwickeln würden, die für die Fragestellungen der Ethnohistorie notwendig war.
Stattdessen hat sich die Ethnohistorie bis heute etabliert und gehalten. Sie hat – gerade in Lateinamerika – ihr eigenes disziplinäres Profil, wird in Peru, Mexiko und z.B. Argentinien von zahlreichen Institutionen getragen und organisiert. Sprich: Sie ist so präsent, dass sie nicht einfach von heute auf morgen verschwinden wird. Und das ist vermutlich auch gut so.

Dabei gibt es, und auch das ist gut, eine Menge an Diskussionen und Debatten um die Ethnohistorie. Denn die Existenz von Ethnohistorie als relativ eigenständiger Disziplin bedeutet eben auch, dass die Auseinandersetzung mit indigener (und als »ethnisch« begriffener Geschichte) noch keinen selbstverständlichen Platz in der Geschichtsschreibung hat. Dass Konzepte von Geschichte (oder Historizität), die nicht der europäischen Auffassung folgen, im wissenschaftlichen Diskurs noch immer »anders« bewertet und positioniert werden. Das sind wesentliche Punkte, die man im Kopf behalten sollte.

Womit sich die Ethnohistorie z.B. in Bezug auf Peru befasst oder befassen kann, darauf werde ich in einem späteren Blogpost gesondert eingehen. Wer – auf Spanisch! – Lust hat, sich weiter in das Thema und die Kontroversen dazu einzulesen, dem empfehle ich die argentinische Website www.scielo.org.ar, auf der es eine Ausgabe der Zeitschrift »Memoria Americana« von der Universität Buenos Aires online zu lesen gibt, insbesondere eine Reihe von Artikeln, die als Debatte und Kommentare aufeinander Bezug nehmen.