PragMagisch Warten ist eine der Haupttugenden, die man als Schreiberling mitbringen sollte (oder sich irgendwann aneignen muss – genug Zeit hat man ja, während man wartet). Wenn sich das besonders lange Warten am Ende dann lohnt, ist die Freude umso größer.
So ist es auch bei dieser Veröffentlichung: Eine Kurzgeschichte namens »Die Kinderstehlerin« in der Anthologie »PragMagisch«. Die Geschichte dazu ist fast länger als das Buch selbst.

Im Sommer 2010 nahm ich an einer Ausschreibung zum Thema Prag teil. Rückblickend ist das die Phase, in der das Schreiben zu mir zurückkehrte. Es war die Zeit, in der ich ein halbes »Kondorkinder«-Manuskript in der Schublade hatte, einfach nicht weiterkam und dann beschloss, es doch zu wagen. Es war die Zeit, in der ich mich für die Aufnahme im Autorenforum Tintenzirkel bewarb und schließlich begann, wieder regelmäßig zu schreiben. Es war die Zeit, in der ich dem Schreiben eine aktive und große Rolle in meinem Leben einräumte. Und meine Prag-Geschichte läutet diese Zeit ein. Als ich im Herbst 2010 erfuhr, dass sie in die Anthologie aufgenommen worden war, bedeutete das für mich enorm viel. Es war nicht meine erste Veröffentlichung, aber die erste seit vielen Jahren, die erste verlorene Geschichte, die Vertrauen zu mir gefasst hatte.

Prag 2011 Erscheinen sollte die Anthologie in einem sympathischen und engagierten Kleinverlag. Es gab ein kompetentes und gründliches Lektorat, die Cover-Illustration tauchte auf, und die Vorfreude wuchs. Im Frühsommer 2011 sollte die Buchpräsentation stattfinden, natürlich in Prag, und natürlich fuhr ich dorthin – ich liebe Prag, und meine Liebe zu dieser Stadt ist noch ein weiterer Grund, warum mir diese Veröffentlichung so viel bedeutet.

Am Ende gab es auf der Präsentation kein Buch zu sehen, nur ein eilig gebundenes Exemplar aus dem Copyshop, das uns unsere Herausgeberin als Provisorium präsentierte, worüber wir damals gemeinsam lachen konnten. Was war geschehen? Es hatte ein Missverständnis mit der Druckerei gegeben. Vom Verlag war leider niemand in Prag, aber das störte in jenem Moment auch nicht. Wir waren eine kleine, feine Runde, die Buchpräsentation ohne Buch lief gut, und auch jenseits dessen hatte ich einige traumhafte, sonnige Tage in Prag. Auf dieser Reise habe ich mir selbst das Versprechen abgenommen, dass das Schreiben weiter wichtig für mich bleiben muss, und dass ich eines Tages sagen können möchte: »Ich bin Schriftstellerin.«

Prag 2011 Nach der Rückkehr aus Prag beginnt das weniger schöne Kapitel dieser Geschichte: Unser Verlag verabschiedete sich in die Sommerpause, was auch unsere Herausgeberinnen überraschte, und über das Buch wurde sehr lange Zeit kein Wort verloren. Ein ebook, ja, das gab es dann irgendwann, aber die Printausgabe ließ auf sich warten. Und warten. Und warten. Schlimm war nicht das Warten. Schlimm war die Stille. Auf E-Mails und andere Anfragen gab es keine Antwort. Im Frühjahr 2012 erfuhr ich schließlich, dass der Verlag seine Pforten geschlossen hatte und dass es dort definitiv keine Printausgabe mehr geben würde. Über Dritte, wohlgemerkt. Eine offizielle Stellungnahme der Verleger hierzu hat zumindest uns Autoren niemals erreicht.

Ich hakte das Thema für mich ab. Was hätte man auch sonst groß tun sollen? Es war schmerzhaft, allerdings ergaben sich in der Zwischenzeit so viele große und kleine Gelegenheiten zur schreiberischen Freude, dass der Schmerz über die Prag-Anthologie erträglich war.

Ende 2012 kamen die Dinge dann wieder ins Rollen, und ein großer Dank an dieser Stelle an Michael Haitel vom Verlag p.machinery, der sich dazu entschlossen hat, der heimatlosen Anthologie ein neues Zuhause zu geben, und diesmal wirklich zwischen zwei Buchdeckeln. Noch vor Weihnachten wurden die Druckrechte von unserem alten Verlag – der mittlerweile wieder unter den Lebenden weilte – freigegeben, und es gab schon eine Vorschau auf das Cover, das so unglaublich schön ist, dass ich es mir am liebsten in Postergröße an die Wand hängen würde.

Zelezná Die vergangenen Monate waren dann noch einmal ein einziges tiefes Luftholen, wie um letzte Spannung. Aber jetzt ist es endlich so weit, und auch, wenn ich mein Belegexemplar noch nicht in den Händen halte, weiß ich doch, dass es – diesmal wirklich! – bald kommen wird (und dass es in Berlin gedruckt wird, sehe ich definitiv als ein sehr gutes Zeichen an). Das Buch ist erschienen, auf Amazon ist es lieferbar, und ich freue mich sehr. Wenn mein Exemplar hier ankommt, werde ich meiner Kurzgeschichte viel zu erzählen haben. Seit 2010, in nicht einmal drei Jahren, hat sich für mich als Schreibender so viel verändert, dass mir ganz schwindlig wird.

Und umso mehr freue ich mich heute über diese Veröffentlichung. Sie markiert für mich den Beginn einer Zeit, in der sich für mich, was das Schreiben betrifft, enorm viel verändert und entwickelt hat. Sie ist der erste Schritt auf einem Weg, auf dem ich noch lange nicht am Ziel bin, aber mittlerweile so weit vorangekommen, dass ich mit klarer Stimme sagen kann: »Jsem spisovatelka. Ich bin Schriftstellerin.«