Da hatte ich mir so fest vorgenommen, über den peruanischen Wahlkampf vor dem zweiten Wahlgang zu berichten, und plötzlich ist es schon soweit. In der Stichwahl um das Präsidentenamt treten Keiko Fujimori — die Tochter des wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption verurteilten Ex-Präsidenten Fujimori — und »PPK« Pedro Pablo Kuczynski gegeneinander an.

Es ist nicht so, dass es aus der zweiten Phase des Wahlkampfs nichts zu berichten gegeben hätte — im Gegenteil. Für einen Blogeintrag hatte ich bereits einen riesigen Berg an Infos angehäuft, kam mit dem Auswerten nicht hinterher und plötzlich war ein Teil schon wieder überholt. Die Umfragewerte zum Beispiel, die zunächst noch PPK einige Prozentpunkte vor Keiko sahen. Doch noch bevor ich meinen Artikel auch nur strukturiert hatte, war der Vorsprung geschrumpft — und plötzlich lag Keiko vorne, zuletzt in einigen Erhebungen mit 46 % gegenüber knapp 40 % für PPK. Die restlichen Wähler waren zum Teil noch unentschieden.

Ob sie das Zünglein an der Waage sein werden? An die Urnen müssen sie jedenfalls, denn in Peru herrscht Wahlpflicht. Auch der Einsatz als Wahlhelfer ist obligatorisch, man wird dafür ausgewählt und zahlt bei Nichterscheinen eine Geldstrafe. (Im Gegenzug bekommt man einen freien Tag zuerkannt.) Wer nicht wählt, blecht natürlich ebenfalls, eine Handvoll Gründe gibt es allerdings, von der Wahlpflicht entbunden zu werden. Höhere Gewalt oder der Tod eines Familienangehörigen beispielsweise. Oder wenn einem nachweislich der Personalausweis geklaut wurde. Ist der hingegen nur abgelaufen, darf man trotzdem wählen. Eine Kuriosität — jedenfalls aus deutscher Perspektive — ist die »Ley Seca« (wörtlich: trockenes Gesetz), die vorübergehende Prohibition, die am Wahlwochenende den Verkauf alkoholischer Getränke untersagt.

Kuczynski vs. Fujimori: Was bedeutet die Wahl?

Wie schon vor fünf Jahren steht Keiko Fujimori im zweiten Wahlgang. Und auch damals wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert, das damals allerdings ihr Gegenkandidat Humala für sich entscheiden konnte. Wie es diesmal ausgeht, ist die große Frage. Zahlreiche Vertreter der anderen politischen Lager haben sich mittlerweile offen zur Unterstützung Kuczynskis bekannt, selbst die im ersten Wahlgang drittplatzierte Verónika Mendoza, die ursprünglich in dieser Frage keine Position beziehen wollte.

Klar ist aber auch, dass viele, die in diesem Wahlgang ihren Stimmzittel für Kuczynski abgeben werden, das nicht aus Überzeugung tun, sondern weil sie ihn als das kleinere Übel gegenüber Fujimori begreifen — ähnlich, wie es vor fünf Jahren mit Ollanta Humala der Fall war. Und der hat — obwohl er seine Regierungszeit unter guten Vorzeichen zu beginnen schien — es letztlich nicht vermocht, seine fragmentierte Wählerschaft zusammenzuhalten und überzeugende Politik mit klarem Profil zu machen (beziehungsweise seine Wahlversprechen einzuhalten). Kuczynski erhielt im ersten Wahlgang knapp 21 % der Stimmen, während Fujimori bereits dort knapp 40 % auf sich vereinigen konnte.

Im Klartext heißt das: Egal, wer die Wahl gewinnt, Peru ist politisch gespalten. In den sozialen Netzwerken war das bereits nach den Ergebnissen des ersten Wahlgangs erschreckend deutlich. Durch meine Twitter-Timeline schwappten massenweise hasserfüllte Tweets mit fast identischem Wortlaut — nur dass sich ein Teil davon auf Keiko Fujimori, der andere auf Verónika Mendoza bezog; eine linke Ausrichtung ist für viele Peruaner noch immer ein rotes Tuch. Zwar steht Mendoza nicht in der Stichwahl, und Kuczynski polarisiert als gelernter Ökonom mit neoliberalen Ansätzen vermutlich weit weniger als sie.

Keiko Fujimori: Kandidatin, die polarisiert

Aber letztlich entzündet sich die Debatte an der Person Fujimoris bereits heftig genug. Während ihre Anhänger behaupten, die Medien würden gezielt gegen ihre Kandidatin hetzen, befürchten die Gegner im Falle eines Wahlsiegs eine Beschneidung der Pressefreiheit, wie es sie auch unter Keikos Vater gab. An die hunderttausend Menschen nahmen noch am 31. Mai an einem Protestmarsch gegen Keiko teil. Der Umgang mit dem Erbe ihres Vaters und die Befürchtung, sie könne ihn umgehend begnadigen, sind nur zwei der Kritikpunkte. Ihre Kritiker werfen Keiko Fujimori vor, als Abgeordnete im Kongress kaum jemals anwesend gewesen zu sein (und die 500 Tage Abwesenheit nicht schlüssig erklären zu können — ihr Ansatz, das seien ihre beiden Schwangerschaften gewesen, sorgte im Internet für äußerst spitzzüngige Reaktionen). Dazu kommt die ungeklärte Frage, mit welchen Mitteln Alberto Fujimori seinen Kindern das teure Studium in den USA finanzierte. Keiko bestreitet zwar, dass es sich um peruanische Steuergelder gehandelt hat, verwickelte sich aber zuletzt in Widersprüche über den Ursprung des Geldes.

Zudem sorgten nach dem ersten Wahlgang öffentliche Unstimmigkeiten mit ihrem ebenfalls politisch aktiven Bruder Kenji für Aufsehen. Nachdem Kuczynski öffentlich die Befürchtung geäußert hatte, mit einem Wahlsieg Fujimoris könne sich quasi eine politische Dynastie etablieren, erklärte Keiko, 2021 — im nächsten Wahljahr — werde es keinen Kandidaten namens Fujimori geben (in Peru darf ein Präsident keine zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten absolvieren). Daraufhin bemerkte Kenji öffentlich, dass er sehr wohl vorhabe, zu kandidieren. Auch wenn er das letztlich zurücknehmen musste, bleibt ein gewisser schaler Beigeschmack — vor allem, da Alberto Fujimori 1998 munter ein Gesetz verabschiedete, das ihm nach zwei Amtszeiten noch eine dritte gestatten sollte.

Peru, ein gespaltenes Land

Was tatsächlich geschieht, sollte Keiko Fujimori an diesem Wahlsonntag den Sieg erringen, lässt sich schwer einschätzen. Eine erschreckende Botschaft wäre es meiner Meinung nach allemal. Doch auch wenn Keiko unterliegt, bleibt ein ideologisch tief gespaltenes Land. Eine sachliche Debatte zwischen Keiko-Befürwortern und -Gegnern scheint so oder so kaum möglich, zu verhärtet sind die Fronten.

Ein paar Stunden heißt es nun mindestens noch abwarten. Die Wahllokale schließen um 16 Uhr peruanischer Zeit (23 Uhr in Deutschland), wer zu diesem Zeitpunkt noch in der Schlange steht, darf aber noch seine Stimme abgeben. Beim ersten Wahlgang gab es dann um 17 Uhr den »flash electoral«, die erste Hochrechnung. Und je knapper die ausfällt, desto länger ist Nägelkauen angesagt.