Es klingt ein bisschen zu sehr nach einem neuen Indiana-Jones-Film, um wahr zu sein: Gestern meldeten verschiedene peruanische Medien, dass ein französischer Archäologe in Machu Picchu eine weitläufige Grabanlage identifiziert haben will — und per Georadar auch Evidenz für große Mengen an Edelmetallen.

Thierry Jamin: »Sehr wahrscheinlich das Grab des Inka Pachacútec«

Thierry Jamin vom »Instituto Inkarí« in Cuzco erwägt sogar die Möglichkeit, die Grabstätte des Inka Pachacútec selbst gefunden zu haben. Die Größe des Grabkomplexes, die Zeit, die eindeutig auf seinen Bau verwendet worden sein müsse, wiesen darauf hin, dass es sich nicht einfach um das Grab eines lokalen Fürsten oder Priesters handeln könne.

Auf die heiße Spur soll Jamin ein anderer Franzose gebracht haben, ein Ingenieur namens David Crespy, der auf eine Art Tür stieß. »Witzbolde oder Erleuchtete, wie man es sehen mag, hatten auf den Stein über dem Eingang das Wort ‘Schatz’ geschrieben und mit einem Pfeil gekennzeichnet«, heißt es in dem Artikel, der auf dem Internetportal »Rumbos del Perú« veröffentlicht wurde — das leider momentan nicht erreichbar ist.

Crespy soll zunächst »den Archäologen von Machu Picchu« Bescheid gesagt haben und dann, als er auf einen Artikel Thierry Jamins stieß, auch diesen kontaktiert haben. Das Georadarprojekt wurde im Dezember 2011 dem Kulturministerium vorgestellt und im März vergangenen Jahres von diesem bewilligt. Nun soll es also Ergebnisse geben.

Auch Tageszeitungen wie »La República« widmeten dem Fund bereits erste Meldungen. Doch die Skepsis ist groß.

Kulturministerium: In Machu Picchu gibt es nichts mehr zu holen

Das Kulturministerium hat alle weiteren Schritte vorerst gestoppt. Der Regionaldirektor in Cuzco, David Ugarte Vega Centeno, zeigt sich wenig überzeugt von der Stichhaltigkeit des vermeintlichen Sensationsfundes. Es sei unwahrscheinlich, so etwas in Machu Picchu zu entdecken, einem Ort, der mehrfach umfassend geplündert worden ist — »der letzte, der hierher kam, war Hiram Bingham«, erklärt Ugarte und bezieht sich damit auf den US-amerikanischen Archäologen, der Machu Picchu im Jahr 1911 »wiederentdeckte«.

Ugarte hat noch weitere Punkte anzumelden. Zwar ist es mit der Georadartechnik wohl möglich, die Existenz von Grabkammern und auch Metall nachzuweisen. Das allein sei aber noch kein ausreichender Grund, eine Grabung zu autorisieren, sagte er, und damit in die Baustruktur von Machu Picchu einzugreifen. Tatsächlich würde durch eine Grabungsaktivität die gesamte Wand der betreffenden Struktur in Gefahr geraten. Zudem befürchtet Ugarte, dass Jamins Behauptung, dort sei viel Gold vorhanden, eine neue Welle von »saqueos«, von Grabrauben, initiieren könne.

Archäologe Lumbreras bezweifelt Seriosität Thierry Jamins

Mit seiner Skepsis ist Ugarte nicht allein. Auch der peruanische Archäologe Luis Guillermo Lumbreras bezweifelt Jamins Behauptungen. Dabei wurde in einem Artikel noch gestern auf ihn verwiesen, denn Lumbreras hatte seinerzeit selbst die Theorie aufgestellt, Machu Picchu könne als das Mausoleum Pachacútecs gedient haben. Dass es ein solches gibt, bezweifle er nicht, ließ aber verlauten, er glaube nicht, »dass es etwas, sogar noch mit Gold, in dieser Zone gibt«.

Lumbreras ging noch weiter: »Archäologie ist heute eine professionelle Kompetenz. Es ist schwierig, wenn man sich ansieht, wie das vor vielen Jahren war, wenn Entdecker auf einmal autauchten und sagten ‘hier gibt’s das und das, ich grab das aus’.« Seine Zweifel an Jamins Kompetenz werden auch von Ugarte geteilt, der den französischen Archäologen als »Abenteurer« deklarierte und sagte: »Nach der Suche nach Paititi und El Dorado in den vergangenen Jahrhunderten herrscht nun das Fieber, Schätze in Machu Picchu zu entdecken.«

Thierry Jamin und das Instituto Inkari

Thierry Jamin ist zwar durchaus gelernter Archäologe, denn laut Website des »Instituto Inkarí« hat er in Toulouse Geschichte und Archäologie Lateinamerikas studiert. Die Website selbst ist jedoch immerhin ein Stirnrunzeln wert. Auf der Hauptseite  soll ein Video mit monumentaler Musikuntermalung die Projekte des Instituts schmackhaft machen. Die Bilder und auch die Informationstexte zeigen in der Tat das Bild des Archäologen als Abenteurer, unerschrocken in den Weiten des Urwalds und der Anden. Tatsächlich widmet sich Jamin schwerpunktmäßig der Forschung nach Inka-Überresten im Amazonasgebiet — und der Suche nach der legendären Stadt Paititi. Die Faszination am Legendären zeigt sich vielleicht auch in der Namenswahl des Instituts. Die Abkürzung für »Instituto Inka de Investigación y Revaloración Indígena«, also etwa Inkaisches Institut für die Erforschung und Wiederwertschätzung des Indigenen, spielt auf den Inkarí-Mythos an: die Vorstellung, dass der zerstückelte Leichnam des letzten Inkas zusammenwachsen und als Erlöser wiederkehren wird.

Einschätzung der Meldung

Der ganze Sachverhalt bleibt schwierig zu beurteilen. Auf der einen Seite ist die verhaltene Reaktion des Kulturministeriums mehr als nachvollziehbar und angemessen. Die Sorge, dass der unsachgemäße Umgang mit solchen Informationen zu neuen Plünderungen in Machu Picchu führen könnte, ist berechtigt. Tatsächlich ist die Frage nach der Konservierung der Ruinenstadt ein reichlich brisantes Thema, denn die unendlichen Touristenströme tun Machu Picchu alles andere als gut. Ein diskreter und möglichst objektiver Umgang mit den neuen Vermutungen scheint angemessen. Zudem rechtfertigt Jamins wenig seriös wirkender Web-Auftritt die Skepsis gegenüber seiner Behauptungen. Auf der anderen Seite spielen da vielleicht auch andere Faktoren eine Rolle, die sich nur zwischen den Zeilen herauslesen lassen, ein möglicher »Futterneid« vonseiten der peruanischen Archäologen bzw. des Ministeriums gegenüber einer nichtstaatlichen Organisation, wie es das »Instituto Inkarí« ist.

Tröstlich bleibt in jedem Fall, dass das Institut auf seiner Homepage versichert, seine Projekte einzig und allein in Übereinstimmung mit existierenden Gesetzen und dem Segen des Kulturministeriums auszuführen. Was sich jetzt aus der eher spärlichen Informationslage zu dem möglichen Grabfund entwickelt, bleibt abzuwarten — und auch ohne Indiana-Jones-Optik spannend.

 

Quellen:

El Peruano 07.02.2013, »Dudan hallazgos en Machu Picchu«

Peru.com 07.02.2013, »Machu Picchu: Habrían descubierto posible tumba de Pachacútec y tesoro inca«

La República, 07.02.2013: »Consideran improbable encontrar tumba de Pachacútec en Machu Picchu«

La República, 07.02.2013, »Investigador habria hallado mausoleo con oro y plata en Machu Picchu«